Statistiktricks: Die herunter gerechneten Arbeitslosen

Laurent Joachim, u.a. Autor in unserem Buch „Die Lastenträger“ informiert in einem ausführlichen Text über die Tricks und Winkelzüge, mit denen die tatsächlichen Erwerbslosenzahlen in Deutschland nach unten gerechnet werden. Hier seine lesenswerten Erläuterungen:

 

BESCHÄFTIGUNG: Eine Arbeits(-losen)welt und eine Statistik im Wandel

 

 

Die Arbeitslosenquote[1] betrug 1998, als Gerhard Schröder (SPD) Kanzler wurde, 11,10%. Als Gerhard Schröder 2002 in einer zweiten Amtszeit bestätigte wurde, lag die Arbeitslosenquote bei 9,80%. Im Jahr 2005, als Angela Merkel (CDU) zum Kanzlerin gewählt wurde, erreichte die Arbeitslosenquote ihren bisherigen Höchststand von 11,70%, verringerte sich aber bis zum Ende der Legislaturperiode (2009) auf 8,10%. Im September 2013 wird sie mit 6,6% angegeben[2]. Was steckt hinter dieser Statistik?

 

 

Deutschland zählt laut dem Zensus von 2011 rund 80,2 Millionen Einwohner. Seit 2005 hat sich die Erwerbstätigenzahl Jahr für Jahr erhöht und erreichte 2012 ihren Höchststand mit 41,6 Millionen Menschen. Ein Anstieg um 7% im Vergleich zum Krisenjahr 2005 mit nur 38,9 Millionen Erwerbstätigen. Mitte 2012 arbeiteten 23,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (68,9% aller Erwerbstätigen) im Westen und 5,4 Millionen (72% aller Erwerbstätigen) im Osten der Republik[3].

 

Insgesamt kann man rechnerisch von einer allgemeinen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Gleichwohl fällt die Statistik der Unterbeschäftigung (es sind die Menschen, die zwar Arbeit haben, aber erstens unfreiwillig weniger als die normale Arbeitsdauer arbeiten, und zweitens eine weitere Beschäftigung suchen) mit 7,6% im Westen und 13% im Osten weniger erfolgreich aus.

 

Gleichzeitig haben tiefgründige Veränderungen die soziale Bedeutung von Arbeit geprägt. So sehr, dass die „Fordernde Betreuung“ der Hilfebedürftigen durch die Jobcenter schon oft in die Kritik geriet[4] [5]. Manchmal wird der Eindruck erweckt, die Arbeitslosen müssten sich nur anstrengen, um eine Arbeitsstelle zu bekommen, denn, so Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft!“[6].

 

Überlegungsgrundlage ist demnach, dass Arbeitslosigkeit deswegen entstehe, weil die Menschen faul seien. Dem widerspricht aber die Statistik: Im August 2013 lag die offizielle Arbeitslosenquote bei 2,9 Millionen, doch dem gegenüber standen in den Jobcenters nur 444.543 freie Stellen[7].

 

Es ist also gar nicht so leicht eine Arbeit zu finden und nach Jahren des Irrwegs wurde 2010 festgestellt, was schon längst hätte klar sein können: Bewerbungstrainings für Hartz-IV-Empfänger zwecks Aufnahme einer regulären Beschäftigung sind völlig sinnlos[8], weil damit die Ursachen des Problems nicht angegangen oder gar behoben werden, nämlich dass es für alle Bewerber kaum genug Arbeitsplätze gibt – ganz geschweige denn, solche von denen man leben kann.

 

In einem Dossier[9] von 2013 beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren, wie folgt:

 

„Nach internationaler Abgrenzung waren im Jahr 2012 lediglich 2,32 Millionen Personen erwerbslos – das ist der niedrigste Stand der Erwerbslosigkeit seit 1991. Die jahresdurchschnittliche Erwerbslosenquote fiel auf 5,3 Prozent.“

 

„Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging der Beschäftigungsaufbau seit der Wiedervereinigung (…) mit einem erheblichen strukturellen Wandel der Arbeitswelt einher. So ist (…) die Zahl sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse – Teilzeitbeschäftigungen mit bis zu 20 Wochenarbeitsstunden, befristete Beschäftigungen, Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen (Mini-Jobs) – von 1991 bis 2011 um 3,67 Millionen gestiegen (plus 86,3 Prozent), während gleichzeitig die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse um 3,16 Millionen sank (minus 11,8 Prozent).“

 

„Zwischen 1991 und 2011 vervierfachte sich die Zahl der geringfügig Beschäftigten (plus 310,0 Prozent) und verdoppelte sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten (plus 96,7 Prozent). Im Bereich der befristeten Beschäftigung erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten im selben Zeitraum um 57,4 Prozent. Zeitarbeit wird im Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes erst seit 2006 erfasst – aber auch hier erhöhte sich die Zahl der Zeitarbeitnehmer in den wenigen Jahren bis 2011 um 37,9 Prozent. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA), die die Arbeitnehmerüberlassung über die Meldungen der Verleihbetriebe statistisch erfasst, hat sich die Zahl der Leiharbeitnehmer zwischen 1994 und 2011 von 121.400 auf 909.545 erhöht – das entspricht einem Plus von knapp 650 Prozent“.

 

„Atypisch Beschäftigte verdienen (…) deutlich weniger als Normalarbeitnehmer. Im Jahr 2010 waren es – gemessen am Median – 10,36 Euro brutto je Stunde. Das sind 39,4 Prozent weniger als bei Normalarbeitnehmern, die 17,09 Euro verdienten.“

 

 

 

 

 

Weniger Arbeitslose, mehr Aufstocker

 

Eine Vorwarnung muss an der Stelle ausgesprochen werden: Die „richtige“ Anzahl der Arbeitslosen im Land ist trotz umfangreicher Statistiken und regelmäßiger Berichte der offiziellen Stellen für den Laien weiterhin ein gut gehütetes Verwaltungsgeheimnis, denn nicht jeder „Kunde“ (so heißen die Hilfsbedürftigen im offiziellen Jargon) der Bundesagentur für Arbeit wird als Arbeitsloser geführt.

 

Nach einer Definition des Wörterbuchs der deutschen Sprache (Bertelsmann Verlag, 2005) ist „Arbeitslos“ eine „Person ohne Arbeitsplatz, die beim Arbeitsamt gemeldet ist“. Das ist der Arbeitslose im „Volksmund“.

 

Im Sinne des Gesetzes wird aber nur der „beschäftigungslose Arbeitslose“ als „arbeitsloser Arbeitsloser“, im Volksmund kurz „Arbeitsloser“, anerkannt. Kleiner Unterschied – großer Effekt auf die Statistik.

 

Laut Statistiken der Arbeitsagentur waren im August 2013 bundesweit 2,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet (6,8%). Von den im März dieses Jahres 4,48 Millionen erfassten erwerbsfähigen Leistungsberechtigten[10] werden nur 43% als „arbeitslose erwerbstätige Leistungsberechtigte“ von der Arbeitsagentur geführt. Die übrigen 57% (die Mehrheit, wohlgemerkt) fristen ein Dasein in „ungeförderter Erwerbstätigkeit“ (14%), in „arbeitspolitischen Maßnahmen“ (10%), oder in „ungeförderten Ausbildungsmaßnahmen bzw. Studium“ (7%). Weiterhin widmen sich 7% Aufgaben der Erziehung, des Haushalts und der Pflege, 6% sind arbeitsunfähig, 5% im Vorruhestand und die Situation von 8% ist unbekannt bzw. wird nicht weiter erläutert.

 

Bemerkenswert ist dabei, dass ganze Gruppen von der Statistik nicht mehr erfasst werden. Besonders ältere Arbeitnehmer sind für eine statistische Optimierung prädestiniert. Ein Artikel[11] des Politmagazins Cicero beschrieb schon im Februar 2012, wie „die Alten aus der Statistik verdrängt werden“: „Über 58-jährige Arbeitslose, die seit mindestens einem Jahr keine Jobangebote vom Arbeitsamt erhalten haben, rutschen aus der Arbeitslosenstatistik heraus. (…) Im Januar 2012 waren offiziell etwas mehr als 571.000 Menschen zwischen 55 und 65 Jahren arbeitslos gemeldet, darunter ca. 273.000 Arbeitslosengeld-I-Bezieher sowie 298.000 Hartz-IV-Bezieher. Tatsächlich waren in diesem Monat aber weitere 107.000 Personen über 58 Jahren ohne Job.“

 

Eine weitere Besonderheit stellen Arbeitsbeschäftigungs-maßnahmen wie 1-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) dar. Diese 1-Euro-Jobs werden der Arbeitslosenstatistik nämlich nicht hinzugefügt, denn die so „beschäftigten Arbeitslosen“ gelten nicht als arbeitslos nach dem Sozialgesetzbuch (SGB III). Anders gesagt sind 1-Euro-Jobber „arbeitende Arbeitslose“ und konsequenterweise keine „arbeitslosen Arbeitslose“. Passenderweise können die JobCenter einen wesentlichen Druck auf die Leistungsempfänger ausüben, weil die Weigerung, eine 1-Euro-Job-Stelle anzutreten, bis hin zur kompletten Streichung aller Leistungen führen kann.

 

Obwohl diese „Wiedereingliederungsmaßnahmen“ keine regulären Beschäftigungsverhältnisse ersetzen dürfen, sind 1-Euro-Jobs naturgemäß besonders missbrauchsanfällig[12], wie eine Zusammenstellung des Wuppertaler Vereins Tacheles e.V. es schon 2005 dokumentierte. In der Stadt wurden damals demnach etwa 1.090 Stellen ausgeschrieben, die allermeisten für eine Dauer von 12 Monaten. 2010 kam selbst der Bundesrechnungshof (BRH), in einem von der Süddeutschen Zeitung zitierten internen Bericht zu dem Schluss, dass die immerhin 1,7 Milliarden teure Maßnahme gravierende Mängel aufweist:

„Bei mehr als der Hälfte der geprüften Fälle fehlten die Voraussetzungen für eine staatliche Förderung. Entweder weil es sich bei den Arbeiten nicht – wie vorgeschrieben – um eine zusätzliche Tätigkeit im Interesse der Allgemeinheit handelte. Oder aber weil so ungeförderten Unternehmen Konkurrenz gemacht wurde“, resümiert die Süddeutschen Zeitung den Berichtsbefund.

 

Solche Missstände wundern eigentlich wenig, denn der Einsatz von Ein-Euro-Jobbern war zeitweise auch eine einträgliche Geschäftsgrundlage, wie ein Artikel der Online-Publikation NachDenkSeiten es 2006 beschrieb:

 

„Die Chefs von AWO, Diakonie und Rotem Kreuz und der Kommunalverbände plädieren in einem Brief an die Große Koalition für eine Senkung der passiven Leistungen bei Hartz IV. (…)Den Chefs der Wohlfahrtsverbände und Kommunen kann es da – angesichts der Arbeitsmarktlage – wohl kaum um eine „Arbeitsaufnahme“ auf dem regulären Arbeitsmarkt gehen, sondern eher darum, den Druck auf die Arbeitslosen zur Annahme von 1-Euro-Jobs gerade auch bei ihren Organisationen zu erhöhen. Schließlich verdienen sie an den ihnen erstatteten Verwaltungskosten für die 1-Euro-Jobber reichlich Geld und können unter dem Mantel der Wohlfahrt billigste Arbeitskräfte ausnutzen. Bei der Nächstenliebe sind sich eben auch die Chefs der Wohlfahrtsindustrie selbst am nächsten. (…) Die Wohlfahrtsverbände sind neben den Kommunen die Hauptnutznießer der 1-Euro-Jobber und sie nehmen durch die „Verwaltung“ der Billigstjobber noch gutes Geld ein, nämlich bis zu 500 Euro pro Monat pro zugewiesenen 1-Euro-Jobber. Das erklärt ihr Interesse, die Anreize zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen.“.

 

2014 gilt die 1-Euro-Job-Regelung zwar als Auslaufmodell, aber 2010 wurden laut einem Artikel[13] der Zeit nicht weniger als 600.000 bis 700.000 Menschen für „einige Monate“ als 1-Euro-Jobber vermittelt. Eine im Sinne des Gemeinwohls vermutlich nicht ganz so sinnvolle Bemühung, denn Ende Dezember 2011 beruft sich die Süddeutsche Zeitung auf einen internen Prüfbericht des Bundesarbeitsministerium in dem bemängelt wird, dass bei den knapp 158.000 Hartz-IV-Empfängern, die einem 1-Euro-Job nachgehen (mit dem sie durchschnittlich 1,50 Euro die Stunde verdienen), „das gesetzlich vorgeschriebene Merkmal der Zusätzlichkeit (…) häufig nicht [vorlag]. Die Arbeiten waren nach der Tätigkeitsbeschreibung von den regulären Arbeiten kaum zu unterscheiden.“ Anders gesagt, normale Jobs wurden verdrängt.

 

Die als Wiedereingliederungsmöglichkeit angelegte Maßnahme konnte in diesem Sinne auch nie überzeugen: „Ein-Euro-Jobs führten in weniger als zehn Prozent der Fälle zu einem erfolgreichen Einstieg in sozialversicherungs-pflichtige Arbeit“ erläuterte Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, der Frankfurter Allgemeine Zeitung im August 2014[14].

 

Im eigenen Wortlaut der Arbeitsagentur zählen viele Arbeitslose (nach dem Volksmund) außerdem nicht als arbeitslos (laut Gesetz), denn:

 

„Ein Viertel der nicht-arbeitslosen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (648.000) ging im April 2013 einer ungeförderten Erwerbstätigkeit von mindestens 15 Wochenstunden nach. Für knapp ein weiteres Viertel war eine Arbeit derzeit nicht zumutbar, weil sie entweder kleine Kinder betreuten bzw. Angehörige pflegten (292.000), oder weil sie selbst noch zur Schule gingen oder studierten (330.000). Schließlich hat knapp ein Fünftel der nicht-arbeitslosen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten an arbeitsmarkt-politischen Maßnahmen teilgenommen (454.000) und galt allein deswegen nicht als arbeitslos. Über diese drei größten Gruppen hinaus zählte jeder Zehnte nicht als arbeitslos, weil er arbeitsunfähig erkrankt war (258.000), und 8 Prozent, weil sie Sonderregelungen für Ältere in Anspruch nahmen (209.000)“[15].

 

Fazit: Von den 4,48 Millionen erwerbsfähigen Leistungs-berechtigten sind 2,19 Millionen nach Definition des Amtes nicht arbeitslos. So kommt man auf 2,29 Millionen Arbeitslosen. Fügt man die 625.000 erwerbstätigen Leistungsberechtigten hinzu, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind (Minijobber), so erhält man die offizielle Arbeitslosenquote von 2,9 Millionen „arbeitslose Arbeitslosen“. Dem gegenüber standen in den Jobcenters im August 2013 übrigens nur 444.543 freie Stellen.

 

Außerdem nimmt die Anzahl der Vollzeitstellen seit Jahren ab. Laut Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung stieg die Anzahl der Teilzeitarbeiter von 4,7 Millionen in 1991 auf 9,2 Millionen in 2010[16]. Zeitgleich verringerte sich die Anzahl von Vollzeitangestellten von 29,2 Millionen auf 23,7 Millionen. Demzufolge nahm der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen sozialversicherungspflichtig Voll- und Teilzeitbeschäftigten ständig zu und beträgt 2013 rund 20% (2003 lag die Quote bei knapp 16%)[17]. Beispiel Einzelhandel: Im Juni 2012 arbeiteten 3,2 Millionen Menschen in der Branche. Davon hatten nur 1,3 Millionen Personen eine Vollzeitstelle (11% weniger als 2000) und 980.000 waren Minijobber (plus 51% seit 2003)[18]. So kam das Handelsblatt 2011 zu dem Schluss, Zeitarbeit, sei „die traurige Wahrheit hinter dem Jobwunder“[19].

 

Von „Jobwunder“ kann man außerdem nur sprechen, wenn man den offiziellen Statistiken uneingeschränkt Vertrauen schenkt. So meldete die Bundesagentur für Arbeit im August 2014 praktisch nur Erfolge:

 

„Die Zahl der arbeitslosen Menschen hat von Juli auf August um 30.000 auf 2.902.000 zugenommen. (…) Insgesamt belief sich die Unterbeschäftigung im August 2014 auf 3.761.000 Personen. Das waren 103.000 weniger als vor einem Jahr. Die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld II in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) lag im August bei 4.386.000. Gegenüber August 2013 war dies ein Rückgang von 40.000 Personen. 8,2 Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter sind hilfebedürftig. In der Grundsicherung für Arbeitsuchende waren 1.968.000 Menschen arbeitslos gemeldet, 22.000 weniger als vor einem Jahr. Ein Großteil der Arbeitslosengeld II-Bezieher ist nicht arbeitslos. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hat nach der Hochrechnung der Bundesagentur für Arbeit von Mai auf Juni um 60.000 auf 30,17 Millionen Personen zugenommen. Gegenüber dem Vorjahr liegt die Beschäftigung um 549.000 im Plus. (…) Die Nachfrage nach Arbeitskräften befindet sich weiterhin auf einem guten Niveau. Im August waren 515.000 Arbeitsstellen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet, 44.000 mehr als vor einem Jahr.“[20]

 

Rekordergebnisse also: über eine halbe Million Menschen mehr in Lohn und Brot in nur einem Jahr – laut Statistik

 

Doch, leider, Grund für die guten Ergebnisse sind weniger die Erfolge einer besonders erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik, sondern eine sogenannte „Modernisierung“ der statistischen Erhebung. Yasmin El-Sharif beschrieb den Doppel-Effekt dieser „Modernisierung“ nüchtern und pointiert in einem Spiegel-Artikel:

 

„Sie sind im Bundesfreiwilligendienst, [arbeiten in Jugendhilfe-Einrichtungen, E.d.R.] oder in Behindertenstätten und gelten so als beschäftigt: Mit Tricks schraubt die Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Erwerbstätigen um rund 400.000 nach oben – und die Arbeitslosenquote nach unten. (…) Im Klartext heißt das: Die größte Behörde Deutschlands hat an der wohl bekanntesten Statistik Deutschlands geschraubt, sie verschönert und gibt dies nun nahezu versteckt bei der monatlichen Arbeitsmarktstatistik preis. (…) Die statistisch angehobene Zahl der sozialversichert Beschäftigten hat noch einen schönen Nebeneffekt – sie senkt die Arbeitslosenquote. Denn die Beschäftigtenzahl ist zentrale Bezugsgröße zur Berechnung der Quote, die die Bundesagentur monatlich ermittelt. Je höher die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ausfällt, desto niedriger die Quote“[21].

 

Eine Frage drängt sich daraufhin auf: kann solche Trickserei noch als „Kommunikationsoptimierung“ im Sinne der von der Regierung erwarteten Erfolgsmeldungen gelten oder ist es schon „Lug und Trug“ am Volk? Der Wähler wird vermutlich entscheiden – je nachdem, ob er die Statistik der Regierung hinterfragt oder nicht.

 

Wie der „Neue Arbeitsmarkt“ jenseits der Statistik aussieht, dafür liefert Berlin ein erschütterndes Beispiel. Ende 2013 gab es in der Hauptstadt 1,22 Millionen Arbeitsplätze. Davon waren aber nur 854.500 Vollzeitstellen – 366.000 sind Teilzeitstellen[22]. Gleichzeitig[23] gibt es in der Stadt etwa 421.000 erwerbsfähige Leistungsbeziehende (Arbeitslose). Hinzu kommen 126.000 erwerbstätige Leistungsbeziehende (Aufstocker). Von diesen Aufstockern sind 105.000 abhängig beschäftigt und davon sind wiederum 18.600 vollbeschäftigt, zeigt eine Studie[24] des Berliner Arbeitslosenzentrums evangelischer Kirchenkreise e.V. von 2014 in der angeprangert wird, dass das Berliner Jobcenter sittenwidrige Arbeitsverhältnisse nicht ausreichend prüfen würde.

 

Man kann also, wie die Regierung, sagen, dass die bundesweite Arbeitslosenquote 6,8% (2,9 Millionen Menschen) beträgt – und sich freuen. Man könnte aber auch sagen, dass Arbeit im Wesentlichen nur „umverteilt wird“, und dass der Staat 4,48 Millionen Erwerbsfähige – zumindest teilweise – alimentieren muss, was eine Quote von 10,5% der erwerbsfähigen Bevölkerung bedeutet. Man sollte deshalb auch sagen, dass im Jahr 2013 laut Statistischem Bundesamt 6,7 Millionen Menschen mehr arbeiten möchten[25] oder schon müssen (die Anzahl der Zweitjobs hatte 2013 einen neuen Höchststand erreicht) – und zwar, weil das Geld zum einfachen Leben hinten vorne nicht reicht, und nicht, wie die Bundesregierung im August 2013 mitteilte, aus „gestiegener Konsumlust“[26]. Schließlich müsste man wohl sagen, dass laut offizieller Statistik von September 2013 bundesweit fast 6,1 Millionen Menschen Hartz IV beziehen – das ist jeder 14. Bundesbürger[27].

 

Somit lebt jeder 14. Bürger in Armut. Mindestens, denn laut einer Erhebung des Bundesarbeitsagentureigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2013 verzichten etwa 3,1 bis 4,9 Millionen sozial schwache Menschen auf Hartz IV-Leistungen, obwohl sie Anspruch darauf hätten, sei es aus Unwissenheit, Scham oder einer voraussichtlich nur geringen Leistungshöhe und -dauer[28]. Demnach muss wohl davon ausgegangen werden, dass etwa jeder 8. oder 9. Bürger auf oder knapp unter Hartz-IV-Niveau lebt.

 

Näher und insgesamt betrachtet, scheint es realitätsverzerrend und in manchen Fällen sogar lebensfremd, von einer allgemeinen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt in den letzten 15 Jahren zu sprechen, wie die Bundesregierung es unter dem Stichwort „Deutsches Jobwunder“[29] immer wieder tut.

 

Deutschland ist zwar, vorwiegend wegen des hohen Exportanteils der Wirtschaft, in einer besseren Verfassung als andere Länder in Europa, und in einigen Arbeitsmarktbereichen sind tatsächlich Fortschritte gemacht worden. Dennoch ist Erwerbsarbeit im Großen und Ganzen unsicherer oder gar extrem prekär geworden; eine enorme Zunahme der Belastung für die Arbeiterinnen und Arbeiter ist unstrittig; kollaterale Effekte, zum Beispiel auf die Gesundheit der Menschen, sind erheblich und höchst beunruhigend; vielfach sind statistische Verbesserungen lediglich auf Änderungen der Erhebungsweise zurückzuführen; schließlich, trotz Arbeit müssen Millionen in Armut leben.

 

[1] Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahresdurchschnitt von 1995 bis 2013, www.statista.de, abgerufen am 11.09.2013

[2] Vgl. Arbeitsagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt im Überblick, abgerufen am 19.09.2013

[3] Die soziale Situation in Deutschland, Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Bundeszentrale für politische Bildung, 01.07.2013

[4] Sanktionsrekord bei Hartz IV, Peter Mühlbauer, Telepolis, 20.11.2012

[5] Fordern und Fordern, Reinhard Jellen, Telepolis, 06.05.2013

[6] Das System ist faul, Konstantin Hammerstein und Michael Sauga, Der Spiegel, 21.05.2001

[7] Vgl. Arbeitsagentur, Monatsbericht Arbeit- und Ausbildungsmarkt in Deutschland, Monatsberichte, 08-2013

[8] Bewerbungstraining für Hartz-IV-Empfänger sinnlos, DPA, 08.02.2010, abgerufen unter Berlin.de

[9] Die soziale Situation in Deutschland, Zahlen und Fakten, Bundeszentrale für politische Bildung, 01.07.2013

[10] Arbeitsagentur, Monatsbericht Arbeit- und Ausbildungsmarkt in Deutschland, Monatsberichte, 08-2013

[11] Wie die Alten aus der Statistik verdrängt werden, Marie Amrhein, Cicero, 01.02.2012

[12] Vgl. AWO, Diakonie und Rotem Kreuz und der Kommunalverbände plädieren für eine Senkung der passiven Leistungen bei Hartz IV, NachDenkSeiten, 19.05.2006

[13] Die Abkehr vom Ein-Euro-Job, Philip Faigle, Die Zeit, 18.04.2011

[14] Weniger Förderstellen für Langzeitarbeitslose, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2014

[15] Arbeitsagentur, Monatsbericht Arbeit- und Ausbildungsmarkt in Deutschland, Monatsberichte, 08-2013

[16] Trade Union Responses to Precarious Employment in Germany, German Report to the Project Bargaining for Social Rights, Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten, WSI-Diskussionspapier Nr. 178, 12-2011

[17] Die soziale Situation in Deutschland, Teilzeitbeschäftigte, Bundeszentrale für politische Bildung, 01.07.2013

[18] Aufstocker: Staat zahlt jährlich 1,5 Milliarden Euro für Niedriglöhne im Handel, Yasmin El-Sharif, Der Spiegel, 04.06.2013

[19] Zeitarbeit boomt, die traurige Wahrheit hinter dem Jobwunder, 08.02.2011

[20] Der Arbeitsmarkt im August 2014: Tendenziell positive Entwicklung, Presse-Info Nr. 34, vom 28.08.2014, Bundesagentur für Arbeit

[21] Statistik-Trick: Agentur für Arbeit schraubt Beschäftigtenzahlen hoch, Yasmin El-Sharif, Spiegel, 04.09.2014

[22] Vgl. Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort am 31.06, 2013, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, abgerufen am 29.07.2014

[23] Im Juni 2013.

[24] Sittenwidrige Beschäftigungen und Berliner Jobcenter, Markus Wahle, Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise e.V., 08.05.2014

[25] 6,7 Millionen Deutsche wollen mehr arbeiten, Die Welt, 05.09.2013

[26] „Die Zahl der Bundesbürger, die einen Zweitjob haben, ist so hoch wie nie. Das Arbeitsministerium erklärte das auch mit „gestiegener Konsumlust“ – und löste damit einen Proteststurm aus. Die IG Metall spricht von Realitätsverlust“ in Zweitjobs, Konsumlust-Fauxpas von Arbeitsministerium löst Empörung aus, Der Spiegel, Nikolai Kwasniewski, 12.08.2013

[27] 6,07 Mio. als Allzeittief mit sich eintrübenden Aussichten, Deutscher Landkreistag, Pressemitteilung vom 27. September 2012

[28] Fünf Millionen verzichten aus Scham auf Hartz IV, Die Welt, 30.06.2013

[29] Vgl. z.B. Die Wahrheit hinter dem deutschen Jobwunder, Stefan von Borstel, Die Welt, 07.01.2014