Der unterbezahlte Marathon der Paketdienstleister

Ob der ers­te Mara­thon­läu­fer der Geschich­te am Ende sei­nes Ren­nens tot zusam­men­ge­bro­chen ist, weiß man nicht wirk­lich. Geld hat er aber auf kei­nen Fall bekom­men, das ist klar. Er soll­te eine Sie­ges­bot­schaft über­brin­gen, über einen gewon­ne­nen Krieg, 490 vor unse­rer Zeit­rech­nung. Auch heu­te sol­len die Mara­thon­läu­fer sie­gen. Womit nicht die sport­li­chen Wett­be­wer­be gemeint sind, son­dern die öko­no­mi­schen. Im Kon­kur­renz­kampf mit den ande­ren Anbie­tern peit­schen die Paket-Kon­zer­ne ihre Beschäf­tig­ten zu Höchst­leis­tun­gen — ohne zeit­ge­mä­ße Bezah­lung und den Tod des ein oder ande­ren durch­aus in Kauf neh­mend. Denn wer 12 bis 15 Stun­den täg­lich arbei­ten lässt, der muss wis­sen, dass dabei Opfer anfal­len. Paket­fah­rer gehö­ren wahr­schein­lich zu den am meis­ten aus­ge­beu­te­ten Lohn­ab­hän­gi­gen in die­sem Land — und sie gehö­ren wohl auch zu denen, deren Leben am häu­figs­ten am sei­de­nen Faden hängt, töd­li­che Unfäl­le ein­ge­schlos­sen.

 

In sei­nem neu­es­ten Ent­hül­lungs­film infor­miert Gün­ter Wall­raff über das schlech­te Leben der Paket­fah­rer bei GLS. Der dazu gehö­ri­ge Bericht im ZEIT-maga­zin (wei­te­re Arti­kel z.B. im stern) ent­hält wei­te­re Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen. Es geht tat­säch­lich nicht nur um das Arbei­ten, es geht um das gan­ze Leben der Paket­fah­rer, deren über­lan­ge Arbeits­zei­ten das Leben außer­halb der Arbeit auf die Schlaf­pha­sen zusam­men­schrump­fen las­sen. Und es geht auch um die Sub­un­ter­neh­mer, derer sich GLS u.a. Kon­zer­ne bedie­nen. Auf sie wer­den sämt­li­che wirt­schaft­li­che Risi­ken abge­la­den, sie sind eben­sol­chen oder noch län­ge­ren Arbeits­zei­ten zu eben­so küm­mer­li­chen Stun­den­löh­nen (wür­de man ihre Monats­ein­künf­te ent­spre­chend umrech­nen) unter­wor­fen wie die von ihnen ange­stell­ten Fah­rer. Und dar­über­hin­aus gehen vie­le noch mit Schul­den von Hun­dert­tau­sen­den Euro aus dem Ren­nen um Höchst­pro­fi­te, die aller­dings die Dienst­leis­tungs­kon­zer­ne ein­strei­chen. Denn par­al­lel zum lang­sa­men oder schnel­len Ster­ben ihrer Abhän­gi­gen sie­gen im Aus­lie­fe­rungs­ma­ra­thon GLS und ande­re Big Play­er mit Pro­fit­stei­ge­run­gen von 10 und mehr Pro­zent…

 

Der Bericht hat eine Auf­bruchs­stim­mung unter den Fah­rern und unter den Sub­un­ter­neh­mern aus­ge­löst. Die bis­her gerin­ge Zahl der bei ver­di gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ter Fah­rer steigt und der kri­ti­sche Ver­band der Sub­un­ter­neh­mer ISSIT fin­det eben­falls Zulauf. Die Fah­rer berich­ten davon, dass sie von vie­len Kun­den mit ande­ren Augen betrach­tet wer­den — mit­füh­lend, schlicht und ein­fach. Das ein oder ande­re Trink­geld mehr wird auch gezahlt. Erfreu­lich — wenn auch kei­ne Lösung. Die läge u.a. in einem aus­rei­chen­den Min­dest­lohn in der Bran­che, des­sen Bezah­lung auch durch­ge­setzt wird. In ers­ter Linie durch schar­fe Kon­trol­len bei den auf­trag­ge­ben­den Kon­zer­nen der KEP-Bran­che, der „Kurier-, Express- und Paket­zu­stel­ler”.  Das aller­dings wäre von der Poli­tik und den Behör­den zu orga­ni­sie­ren. Und die las­sen bis­lang noch auf sich War­ten. Womög­lich haben sie den Start­schuss nicht gehört…

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