Abrissbirne Hyundai — Bossing aus Prinzip

Hyun­dai ist ein gro­ßer süd­ko­rea­ni­scher Auto­kon­zern mit Pro­duk­ti­ons- und Ent­wick­lungs­stät­ten auch in Euro­pa. Der Kon­zern ist nicht gera­de als gewerk­schafts­freund­lich bekannt — nicht in sei­nem Stamm­land und auch nicht anders­wo. Jetzt hat er in Deutsch­land, in sei­nem Toch­ter­werk Rüs­sels­heim, ein Bünd­nis mit der AUB (aus­ge­schrie­ben: „Akti­ons­ge­mein­schaft unab­hän­gi­ger Betriebs­rä­te”) geschlos­sen. Bekannt gewor­den ist die AUB durch die Bestechung ihres dama­li­gen Vor­sit­zen­den Wil­helm Schelsky, der mit Sie­mens-Mil­lio­nen eine arbeit­ge­ber­ori­en­tier­te Gegen­ge­werk­schaft gegen die IG Metall auf­bau­en woll­te. Schelsky wur­de inhaf­tiert und ver­ur­teilt, die AUB hat den Skan­dal über­lebt.

Bei ihren Grund­sät­zen ist sie aller­dings geblie­ben. In Rüs­sels­heim stellt sie das erneut unter Beweis. Als offen anti­ge­werk­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on koor­di­niert sie mitt­ler­wei­le die Angrif­fe auf den dor­ti­gen Betriebs­rat. Im Werk Rüs­sels­heim wird schon seit eini­ger Zeit um Arbeits­zeit, Arbeits­si­cher­heit und Ent­loh­nungs­sys­te­me gerun­gen. Der gewerk­schaft­lich ori­en­tier­te Betriebs­rat hat sich dabei als hart­nä­cki­ger Inter­es­sen­ver­tre­ter der Beleg­schaft pro­fi­liert. Um ordent­lich Feu­er gegen den Betriebs­rat zu machen, wur­de ein böses Gerücht gestreut: ein­zel­ne BR-Mit­glie­der woll­ten sich mit­hil­fe ihrer BR-Tätig­keit berei­chern. Per­sön­lich dif­fa­mie­ren­de Aus­hän­ge tauch­ten auf. Die Amts­ent­he­bung des Betriebs­ra­tes wur­de gefor­dert. Eine Kam­pa­gne wie aus dem Bos­sing-Hand­buch ein­schlä­gi­ger Anwalts­kanz­lei­en und Unter­neh­mens­be­ra­ter. Die ver­su­chen näm­lich, mit geziel­ten Dif­fa­mie­run­gen, mit der sozia­len Iso­lie­rung ein­zel­ner Betriebs­rä­te und mit Schi­ka­nen (Abmah­nun­gen, Kün­di­gun­gen, Ent­las­sun­gen, sogar Schlie­ßungs­dro­hun­gen von Betrie­ben bzw. Betriebs­tei­len) sys­te­ma­tisch Betriebs­rä­te zu zer­schla­gen. work-watch.de hat die­se Metho­den auf sei­ner Inter­net­sei­te vor­ge­stellt („Erfolg­reich gegen Bos­sing”, dar­in der Abschnitt „Das Dreh­buch”).

Zwar haben sich die lei­ten­den Ange­stell­ten vor Gericht ver­pflich­tet, die im Betrieb kur­sie­ren­den Unter­stel­lun­gen, Betriebs­rats­mit­glie­der hät­ten sich durch Ihre Tätig­kit berei­chert und wür­den Ent­schei­dun­gen auf Mona­te und Jah­re hin­aus ver­zö­gern, nicht wei­ter zu ver­brei­ten, aber die AUB macht mun­ter wei­ter. Ganz im Sti­le des Schmie­ren­jour­na­lis­mus — Gerüch­te streu­en, sich aber nicht fest­le­gen — schreibt die Orga­ni­sa­ti­on auf einem Flug­blatt, eine „Anstif­tung zur Betriebs­rats­be­güns­ti­gung” sei „mög­li­cher­wei­se ver­sucht” wor­den. Das Mot­to: irgend­was wird schon hän­gen­blei­ben…

Die AUB, die sich als „ideo­lo­gie­frei” und „zukunfts­ori­en­tiert” beschreibt, will nicht nur bei Hyun­dai Rüs­sels­heim son­dern ganz grund­sätz­lich die Zer­stö­rung der gewerk­schaft­li­chen Kampf­fä­hig­keit. In ihrem „Leit­fa­den bei Streik” heißt es: „Wird durch Gewerk­schaf­ten zum Streik auf­ge­ru­fen, sind Sie gehal­ten „Ihre Arbeits­kraft anzu­bie­ten”. In der Pra­xis bedeu­tet dies, dass Sie gegen­über Ihrer Füh­rungs­kraft (z. B.: Abtei­lungs­lei­ter, Schicht­füh­rer, Vor­ar­bei­ter etc.) erklä­ren, dass Sie nicht beab­sich­ti­gen, an Streik­maß­nah­men teil­zu­neh­men und wei­ter arbei­ten wol­len.”

Eini­ge Vor­ge­setz­te im Unter­neh­men haben sich nun also das AUB-Män­tel­chen umge­hängt und schrei­ten als „unab­hän­gi­ge” Inter­es­sen­ver­tre­ter der Beleg­schaft durchs Werk.  Es fragt sich, ob die­se Tar­nung auf­fliegt, wenn am 21.12. (ver­legt vom 23. Novem­ber)  über den Antrag auf Amts­ent­he­bung des Betriebs­ra­tes zum ers­ten Mal vor Gericht ver­han­delt wird. Es könn­te durch­aus sein, dass den Akti­vis­ten der AUB dann ihre Dif­fa­mie­run­gen schmerz­haft auf die Füße fal­len…

Auch im Mut­ter­land des Kon­zerns ist übri­gens die Welt nicht so in Ord­nung, wie die Kon­zern­lei­tung sie ger­ne hät­te. Hef­ti­ge Streiks erschüt­tern dort die einst so fest gefügt geglaub­ten Hier­ar­chi­en. So wird jetzt nach lan­gen Kämp­fen die 10-stün­di­ge Nacht­schicht um ein bis zwei Stun­den redu­ziert, die gro­ße Zahl der Leih­ar­bei­ter soll eben­falls — so die Gewerk­schaf­ten — wei­ter zurück­ge­drängt und in Fest­an­stel­lun­gen umge­wan­delt wer­den. „Auto­mo­bil Pro­duk­ti­on” schreibt am 4. Sep­tem­ber über die Strei­k­er­geb­nis­se: „Dabei konn­ten sich die Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter mit ihrer Kern­for­de­rung nach einem Ende der Nacht­ar­beit teil­wei­se durch­set­zen. Ab März ver­kürzt sich die 10-stün­di­ge Arbeits­schicht um ein bis zwei Stun­den. Die Schich­ten enden dann jeweils um 1 Uhr nachts. Zuvor war rund um die Uhr gear­bei­tet wor­den. Seit Mit­te Juli hat­ten die Hyun­dai-Arbei­ter die Wer­ke an 28 Tagen bestreikt, ein her­ber Schlag für den Kon­zern. Durch die Arbeits­nie­der­le­gun­gen fiel die Pro­duk­ti­on von rund 82.000 Fahr­zeu­gen aus – eine Umsatz­ein­bu­ße von 1,7 Bil­lio­nen Won, umge­rech­net rund 1,2 Mil­li­ar­den Euro.”

Arm ist er nicht, der Kon­zern. Aber hart­nä­ckig.

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