Mindestlohn: Was bin ich – und wenn ja wie viele? Eine...

Teil 1 von 4 – Ver­klärt, erklärt, auf­ge­klärt

Um Aus­beu­tung und Hun­ger­löh­ne zu ver­mei­den wur­de der ers­te natio­na­le Min­dest­lohn schon 1938 in den USA ein­ge­führt und seit­dem hat das Kon­zept einen wah­ren Sie­ges­zug erfah­ren: in 90% der 183 Län­der der ILO (Inter­na­tio­na­le Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on) gibt es heu­te Min­dest­löh­ne. Ein kla­rer Fall, 90% der Län­der auf Welt kön­nen sich nicht geirrt haben – möch­te man mei­nen, oder gibt es doch (belast­ba­re) Argu­men­te gegen den Min­dest­lohn?

Am 24. Okto­ber 2013, kurz nach der Bun­des­tags­wahl2 vom 22. Sep­tem­ber, und mit­ten in den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen – genau zu dem Zeit­punkt an dem eine Ein­fluss­nah­me auf die poli­ti­sche Aus­rich­tung der zukünf­ti­gen Regie­rungs­ge­schäf­te am viel­ver­spre­chends­ten war – schrieb Tho­mas Straub­haar3, Direk­tor des arbeit­ge­ber­na­hen Ham­bur­gi­schen Welt­wirt­schafts­in­sti­tuts (HWWI) sowie, laut Lob­by Con­trol, Bot­schaf­ter der neo­li­be­ra­len Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft einen Gast­bei­trag im Polit­ma­ga­zin Cice­ro mit dem Titel „Der Min­dest­lohn scha­det den Ärms­ten“4. In dem Arti­kel hieß es:

Ich bin klar gegen den Min­dest­lohn. Denn die öko­no­mi­sche Theo­rie sagt ein­deu­tig, dass er weder der Wohl­fahrt noch der Gerech­tig­keit hilft. (…) Für Arbeits­lo­se ist der Min­dest­lohn eine Bedro­hung. Er ver­rin­gert die Chan­cen von Arbeits­su­chen­den, wie­der in ein regu­lä­res Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis zurück­zu­fin­den. (…) Weder ver­rin­gern Min­dest­löh­ne das Armuts­ri­si­ko, noch sind sie für eine Grund­si­che­rung erfor­der­lich. (…) Das ALG II erhal­ten alle Bedürf­ti­gen, unab­hän­gig von der Ursa­che ihrer Not­la­ge und unab­hän­gig von Ver­si­che­rungs­zei­ten. Damit wird zugleich ein der fami­liä­ren Situa­ti­on ange­pass­ter Min­dest­lohn defi­niert. (…) Der Scha­den von Min­dest­löh­nen über­steigt unver­än­dert deren Nut­zen. Somit wäre es klug, die Fin­ger davon zu las­sen“5.

Fünf Tage spä­ter, am 29. Okto­ber 2013, schal­te­te sich die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung ein und frag­te rhe­to­risch zwei­felnd: „Wie viel Min­dest­lohn ver­trägt Deutsch­land“?6

Kurz dar­auf, am 4. Novem­ber, ver­kün­de­te die FAZ,bezug­neh­mend auf eine Stu­die des Ber­li­ner Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW), ihre leit­me­dia­le Ant­wort auf die eige­ne Fra­ge und urteil­te in unge­wöhn­li­cher Schär­fe: „Min­dest­lohn macht die meis­ten Haus­hal­te ärmer“7; außer­dem müs­se man sich im Fal­le einer Ein­füh­rung auf den Ver­lust einer hal­ben Mil­li­on Arbeits­plät­ze ein­stel­len, so die Zei­tung wei­ter.

Ein Feh­ler? Eine Pro­vo­ka­ti­on? Ver­steck­te Heu­schre­cken-Pro­pa­gan­da in einem der sonst seriö­ses­ten Blät­ter der Repu­blik? Oder doch eine fun­dier­te und zu Recht war­nen­de Vor­ah­nung der sich mög­li­cher­wei­se anbah­nen­den Kata­stro­phe?

Die FAZ kann in die­ser Sache jeden­falls die Deut­sche Bank auf ihrer Sei­te wis­sen.

Die­se schal­te­te sich auch in die Debat­te unge­fragt ein und ver­öf­fent­lich­te am 1. Novem­ber 2013, also prak­tisch zeit­gleich mit der FAZ, in ihrer Flagg­schiff­pu­bli­ka­ti­on Stand­punkt Deutsch­land eine ähn­lich lau­ten­de War­nung, wonach „Ein sol­cher Min­dest­lohn (…) nach [eige­nen] Schät­zun­gen [der Bank] zwi­schen 450.000 und einer Mil­li­on Arbeits­plät­ze kos­ten wür­de.“ Dar­auf auf­bau­end gibt die Deut­sche Bank folg­lich zu beden­ken: „Prin­zi­pi­ell wider­spricht ein Min­dest­lohn dem zen­tra­len Anlie­gen der Hartz-Refor­men Pro­blem­grup­pen über ein Nied­rig­lohn­seg­ment in den Arbeits­markt zurück­zu­brin­gen“. Des­halb sei laut der Deut­schen Bank die geplan­te Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns eine „fal­sche Wei­chen­stel­lung“8.

Man kann ver­ste­hen, die gro­ßen Wirt­schafts­ak­teu­re fürch­ten die Ein­füh­rung eines ein­heit­li­chen und flä­chen­de­cken­den Min­dest­lohns, wie der Teu­fel das Weih­was­ser.

Die Bür­ger dage­gen wol­len einen Min­dest­lohn. Soviel ist auch klar. Eine Infra­test-Dimap-Umfra­ge von Anfang Juni 2013 im Auf­trag des Deut­schen Gewerk­schafts­bund (DGB) ergab, dass 86% der deut­schen Wahl­be­rech­tig­ten sich für die Ein­füh­rung eines gesetz­li­chen Min­dest­lohns aus­spre­chen9.

Alte Debat­te, alte Argu­men­te

Die Min­dest­lohn-Debat­te ist nicht neu. Sie ist ganz genau 10 Jah­re alt.

Sie fing an, als die Bun­des­re­pu­blik sich mit den bit­te­ren Kon­se­quen­zen der Hartz-Refor­men10 aus­ein­an­der­set­zen muss­te11.

Schon 2004 dach­te der SPD-Vor­sit­zen­de Franz Mün­te­fe­ring des­we­gen öffent­lich über die Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns nach, um die Fol­gen der Hartz-Refor­men abzu­mil­dern, denn: „Wir müs­sen in die­sem Bereich der unte­ren Lohn­seg­men­te eine grö­ße­re Klar­heit und eine bes­se­re Regel haben“12, so Franz Mün­te­fe­ring in einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk am 18. Juni 2004.

Die Rhei­ni­sche Post zum Bei­spiel erläu­ter­te im August 2004 die Grün­de der Über­le­gun­gen des SPD-Chefs wie folgt: „Der SPD-Chef wies dar­auf hin, dass eini­ge Unter­neh­mer die Ungunst der Stun­de nutz­ten und die Löh­ne ‚auf unsitt­li­che Wei­se‘ redu­zier­ten. Die unte­ren Ein­kom­mens­seg­men­te wür­den ‚von der Tarif­au­to­no­mie nur begrenzt erreicht‘, (…) [und] An vie­len Stel­len wür­den die Löh­ne ‚dra­ma­tisch weg­bre­chen‘ “13.

Gefahr erkannt, aber… nicht gebannt.

Franz Mün­te­fe­rings Vor­ha­ben schei­ter­te an dem Wider­stand der eige­nen Par­tei­spit­ze und eines Teils der Gewerk­schaf­ten.

Der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der (SPD) ließ von sei­nem Spre­cher 2004 ver­kün­den, er sähe „für die Bun­des­re­gie­rung kei­nen Hand­lungs­be­darf“14 zu Guns­ten eines Min­dest­lohns. Auch der dama­li­ge Bun­des­mi­nis­ter für Wirt­schaft und Arbeit15 Wolf­gang Cle­ment (SPD) wie­gel­te ab und ver­kün­de­te: „Wir brau­chen aus mei­ner Sicht kei­nen gene­rel­len Min­dest­lohn“16. CDU und CSU waren natur­ge­mäß gegen den Vor­schlag. Ledig­lich die Grü­nen spra­chen sich vor­sich­tig für „gesetz­li­che Garan­ti­en“, sowie für „regio­na­le und bran­chen­spe­zi­fisch dif­fe­ren­zier­te Min­dest­löh­ne“17aus. Die Lin­ke gab es noch nicht. Sie wur­de erst 2007 gegrün­det.

Die Gewerk­schaf­ten waren sich bei dem Vor­stoß denk­bar unei­nig und viel­fach gesteu­ert von Eigen­in­ter­es­sen. Die Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft Ver.di und die Gewerk­schaft Nah­rung-Genuß-Gast­stät­ten (NGG) gaben bekannt, das Ansin­nen grund­sätz­lich unter­stütz­ten zu wol­len, aber sowohl der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Gewerk­schafts­bund (DGB) Micha­el Som­mer, als auch der IG-Metall-Vor­sit­zen­de Jür­gen Peters spra­chen sich gegen einen Min­dest­lohn aus, denn „Die Lohn­po­li­tik muss den Tarif­par­tei­en vor­be­hal­ten blei­ben“18, sag­te Jür­gen Peters 2004 dem Han­dels­blatt. Eine Posi­ti­on die Micha­el Som­mer grund­sätz­lich auch ver­trat, wenn­gleich der DGB-Chef das Vor­han­den­sein von Fehl­ent­wick­lun­gen erkann­te: „Die­ses Land braucht kei­nen Nied­rig­lohn­sek­tor. Es gibt Fehl­ent­wick­lun­gen, die wir bekämp­fen müs­sen“19.

Der Wider­stand der IG-Metall und des DGBs erklärt sich damit, dass die Gewerk­schaf­ten nicht die abso­lu­te Hoheit über die Tarif­ver­hand­lun­gen ver­lie­ren woll­ten, um die eige­ne Posi­ti­on nicht zu schwä­chen. Dabei erkann­ten sie nicht (oder nah­men bil­li­gend in Kauf), dass sich in dem neu­en Arbeits­markt (nach den Hartz-Refor­men) das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern dra­ma­tisch ver­scho­ben hat­te, sodass ein Groß­teil der Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer nun­mehr schutz­los dastand und eine dras­ti­sche Ver­schlech­te­rung der Lebens­ver­hält­nis­se hin­neh­men muss­te.

Im Novem­ber 2004 gab der Stern den Aus­gang des Kräf­te­mes­sens zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern eines Min­dest­lohns bekannt und titel­te: „Die Ein­füh­rung eines gesetz­li­chen Min­dest­lohns in Deutsch­land ist vor­erst vom Tisch. Dar­auf haben sich SPD-Chef Franz Mün­te­fe­ring und DGB-Chef Micha­el Som­mer geei­nigt“20.

2006, zwei Jah­re spä­ter also, waren die Pro­ble­me auf dem Arbeits­markt nicht ein­mal ansatz­wei­se gelöst, ganz im Gegen­teil. Eigen­ar­ti­ger­wei­se hat­te sich die poli­ti­sche Posi­ti­on der Kon­tra­hen­ten von 2004 anläss­lich einer Ände­rung der Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Bun­des­tag und der Ver­kün­dung einer schwarz-roten Koali­ti­on unter dem Mot­to „Gemein­sam für Deutsch­land – Mit Mut und Mensch­lich­keit“ aber dras­tisch ver­än­dert. „Trotz der Unei­nig­keit der Gewerk­schaf­ten unter­ein­an­der for­der­te der Bun­des­kon­gress des Deut­schen Gewerk­schafts­bun­des (DGB) mit gro­ßer Mehr­heit einen gesetz­li­chen Min­dest­lohn von 7,50 Euro pro Stun­de“, denn „Der Nied­rig­lohn­sek­tor muss weg. Und dazu gehört auch ein gesetz­li­cher Min­dest­lohn“, erklär­te DGB-Chef Micha­el Som­mer im Mai 2006 auf dem Bun­des­kon­gress, wäh­rend Franz Müntefering,von 2005 bis 2007 Bun­des­mi­nis­ter für Arbeit und Sozia­les sowie Vize­kanz­ler in einer gro­ßen Koali­ti­on21 unter Füh­rung von Ange­la Mer­kel (CDU), vor einer Fest­le­gung warn­te, da er nun­mehr tarif­li­che Min­dest­löh­ne bevor­zu­gen wür­de22.

Olaf Scholz (SPD), der Nach­fol­ger von Franz Mün­te­fe­ring als Bun­des­mi­nis­ter für Arbeit und Sozia­les in der Koali­ti­on (2007−2009), zeig­te sich auf­ge­schlos­se­ner und sprach sich 2008 für die Ein­füh­rung von Min­dest­löh­nen auf kurz­fris­ti­ger Sicht und für einen ein­heit­li­chen Min­dest­lohn auf lang­fris­ti­ger Sicht aus23. Gleich­zei­tig steck­te der DGB sei­ne Res­sour­cen zuneh­mend in den Kampf und bekräf­tig­te 2010 sei­ne For­de­rung, in dem ab die­sem Zeit­punkt einen Min­dest­lohn von 8,50 Euro pro Stun­de gefor­dert wur­de24.

Doch erst als Ursu­la von der Ley­en (CDU-Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin einer schwarz-gel­ben Koali­ti­on von 2009 bis 2013) sich im Sep­tem­ber 2011 öffent­lich – aber gegen die Par­tei­spit­ze und den Wirt­schafts­flü­gel von CDU und CSU – für eine gesetz­li­che Rege­lung aus­sprach, kam etwas Bewe­gung in die Sache: „Ich bin über­zeugt, dass wir über kurz oder lang einen Min­dest­lohn in allen Bran­chen haben wer­den“ zitier­te Der Spie­gel sie in einem Arti­kel25. Auch Tei­le der FDP erkann­ten zu die­sem Zeit­punkt die Not­wen­dig­keit ‚den Miss­stän­den auf dem Arbeits­markt einen gesetz­li­chen Rie­gel vor­zu­schie­ben: „Es ist nicht markt­wirt­schaft­lich, wenn Men­schen acht Stun­den am Tag für Löh­ne arbei­ten, von denen sie nicht leben kön­nen“, wur­de der schles­wig-hol­stei­ni­sche Sozi­al­mi­nis­ter Hei­ner Garg (FDP) in Reak­ti­on auf Ursu­la von der Ley­ens Vor­stoß vom Spie­gel zitiert; zwar wol­le er „die Tarif­au­to­no­mie stär­ken, wo es die aller­dings nicht mehr gebe, müs­se ein ande­rer Mecha­nis­mus grei­fen“, so Hei­ner Garg wei­ter, denn „Wir wür­den damit auch der eige­nen Par­tei hel­fen, weil wir uns wie­der mit der Rea­li­tät der Men­schen befas­sen wür­den“ gab er zu Pro­to­koll. Kurz dar­auf bekräf­tig­te Ursu­la von der Ley­en ihre Posi­ti­on öffent­lich-wirk­sam in der Welt: „Arbeits­mi­nis­te­rin von der Ley­en sieht in Min­dest­löh­nen kei­ne Gefahr für Arbeits­plät­ze. Im Gegen­teil – sie wür­den sogar zu mehr Jobs füh­ren“26, schrieb die Zei­tung.

Die poli­ti­sche Kon­sens­fin­dung war also ein lang­wie­ri­ger und kom­pli­zier­ter Pro­zess, in dem trotz bes­se­ren Wis­sens gra­vie­ren­de Miss­stän­de über Jah­re hin­weg von den poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern gedul­det wur­den. Den rea­len all­täg­li­chen Nöten der Bür­ger wur­de unzu­rei­chend ent­ge­gen­ge­steu­ert, weil sie macht­po­li­ti­schen Inter­es­sen (von Wirt­schaft, Par­tei­en und Ver­bän­den) auf dem Altar der jewei­li­gen Kli­en­tel­po­li­tik geop­fert wur­den.

Gro­Ko 201327: ein kla­res und deut­li­ches „Jein!!!“ zum Min­dest­lohn

Nach der Bun­des­tags­wahl ver­kün­de­te die SPD Medi­en­wirk­sam den Preis eines etwai­gen Koali­ti­ons­ver­trags mit der Uni­on: „8,50 Euro für alle“.

In den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen beweg­te sich die Uni­on in die­ser Fra­ge tat­säch­lich auf die SPD zu – ein leich­tes Opfer, denn der grund­sätz­li­che Wider­stand der Uni­on gegen den Min­dest­lohn wur­de schon 2012 end­gül­tig auf­ge­ge­ben28 und mit dem Abschied der FDP aus dem Bun­des­tag hat­ten sich in die­ser Fra­ge poli­ti­sche Spiel­räu­me nach links für die Uni­on erge­ben.

Doch wenn es ganz nach der Mei­nung des Kanz­ler­amts gegan­gen wäre, hat die sakro­sank­te Kon­junk­tur aller höchs­ten Prio­ri­tät und die­se wür­de sich mit einem gesetz­li­chen, bran­chen­über­grei­fen­den und ein­heit­li­chen Min­dest­lohn nicht ver­tra­gen. Des­halb soll­ten, so Ange­la Mer­kel im Wahl­kampf29 – wenn über­haupt – ledig­lich Lohn­un­ter­gren­zen nach Bran­chen und kein gesetz­li­cher bun­des­wei­ter Min­dest­lohn ein­ge­führt wer­den. Des­we­gen soll­te, wenn eine Ein­füh­rung schon unum­gäng­lich ist die­se nicht sofort, son­dern so spät wie mög­lich ange­strebt, wodurch die Aus­wir­kung des im Koali­ti­ons­ver­trag ver­ein­bar­ten Min­dest­lohns sich infla­ti­ons­be­dingt sehr spür­bar – aber poli­tisch gesichts­wah­rend – ver­rin­gern lässt. Die SPD und die Grü­nen hat­ten im Wahl­kampf eine Ein­füh­rung des Min­dest­lohns ohne Aus­nah­men oder Abschlä­gen für Febru­ar 2014 ange­kün­digt30.

Der zwi­schen CDU, CSU und SPD letzt­end­lich ver­ein­bar­te Koali­ti­ons­ver­trag31 für die 18. Legis­la­tur­pe­ri­ode trägt den schö­nen Titel „Deutsch­lands Zukunft gestal­ten“ und auf Sei­te 68 wird tat­säch­lich erläu­tert, wie die aus­ge­han­del­te Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns ange­dacht ist:

Zum 1. Janu­ar 2015 wird ein flä­chen­de­cken­der gesetz­li­cher Min­dest­lohn von 8,50 Euro brut­to je Zeit­stun­de für das gan­ze Bun­des­ge­biet gesetz­lich ein­ge­führt“.

Aber zum 1. Janu­ar 2015 wird nicht jeder Arbei­ter in der Bun­des­re­pu­blik in den Genuss die­ser finan­zi­el­len Absi­che­rung kom­men dür­fen, denn „Abwei­chun­gen (…) bis 31. Dezem­ber 2016 durch Tarif­ver­trä­ge reprä­sen­ta­ti­ver Tarif­part­ner auf Bran­chen­ebe­ne“ sind wei­ter­hin mög­lich. Kon­kret heißt es, dass die nied­ri­ge­ren Tari­fe, soweit sie für rechts­gül­tig erach­tet wer­den, wei­ter­hin gel­ten.

Also erst ab „1. Janu­ar 2017 gilt das bun­des­wei­te gesetz­li­che Min­dest­lohn­ni­veau unein­ge­schränkt“ und erst „mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2018 [wird der Min­dest­lohn] von einer Kom­mis­si­on der Tarif­part­ner über­prüft [und] gege­be­nen­falls ange­passt“.

Es klang schon nicht mehr nach einem wirk­lich muti­gen und zukunfts­wei­sen­den Schritt.

Die For­de­rung nach einem Min­dest­lohn in Höhe von 8,50 Euro wur­de vom DGB näm­lich schon 2010 gestellt32. Das zum 1. Janu­ar 2017, sie­ben Jah­re nach For­de­rungs­stel­lung, die im Koali­ti­ons­ver­trag ange­dach­te Höhe des Min­dest­lohns die Men­schen aus der Armut nicht befrei­en wird, steht außer Fra­ge. In der Zwi­schen­zeit müs­sen Mil­lio­nen Men­schen mit eigent­lich unaus­kömm­li­chen Löh­nen und Tarif­ver­trä­gen doch irgend­wie aus­kom­men, wie man es aus einem Arti­kel des Tages­spie­gels ent­neh­men kann:

Die Tarif­ex­per­ten der gewerk­schafts­ei­ge­nen Hans-Böck­ler-Stif­tung haben ermit­telt, dass im ver­gan­ge­nen Jahr in elf Pro­zent von 4.700 Ver­gü­tungs­grup­pen aus 41 Bran­chen mit ins­ge­samt 16 Mil­lio­nen Beschäf­tig­ten Stun­den­löh­ne unter 8,50 Euro ver­ein­bart sind. Über­pro­por­tio­nal ver­tre­ten ist der Osten. So gibt es für eine Flo­ris­tin in Bran­den­burg nur 4,58 Euro, in der Gas­tro­no­mie Meck­len­burg-Vor­pom­merns liegt der Stun­den­lohn bei 6,62 Euro. Im Flei­scher­hand­werk in Ost-Ber­lin kommt die unters­te Lohn­grup­pe auf 6,09 Euro. Aber auch im Wes­ten gibt es Ein­grup­pie­run­gen unter­halb von 8,50 Euro, etwa für Sai­son­ar­bei­ter in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Land­wirt­schaft (6,40 Euro) oder für Beschäf­tig­te im schles­wig-hol­stei­ni­schen Ein­zel­han­del (7,50 Euro). Sie alle wer­den, je nach Lauf­zeit des Tarif­ver­trags, dem­nächst 8,50 Euro bekom­men, spä­tes­tens im Jahr 2017“33.

Doch schon 2013 in Mün­chen zum Bei­spiel, wo die Mie­ten so hoch sind, muss der Stun­den­lohn in einem Ein­zel-Haus­halt bei min­des­tens 9,66 Euro lie­gen, um auf das Grund­si­che­rungs­ni­veau zu kom­men34. In ande­ren Groß­städ­ten, wie Frank­furt am Main, Köln oder Ham­burg zeich­net sich eine ähn­li­che Lage ab. In Ber­lin sind laut dem DIW die Mie­ten zwi­schen 2007 und 2012 im Durch­schnitt um 27,6% gestie­gen35. Eine etwai­ge Erhö­hung des Stun­den­lohns soll laut Gesetz­ent­wurf außer­dem erst zum 1. Janu­ar 2018, wenn über­haupt, wirk­sam wer­den, also acht Jah­re nach For­de­rungs­stel­lung.

Der im Koali­ti­ons­ver­trag aus­ge­han­del­te Min­dest­lohn ist also im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes nicht viel mehr als eine Mogel­pa­ckung: es steht zwar „Min­dest­lohn“ drauf, aber drin ist in Wahr­heit viel weni­ger als ein „Min­dest­maß an Lebens­qua­li­tät und Sozi­al­teil­ha­be“. Die Inter­net-Publi­ka­ti­on Por­tal Sozi­al­po­li­tik36lie­fer­te im März 2014 eine dies­be­züg­lich ein­fa­che und zugleich ernüch­tern­de Erklä­rung:

Ein Stun­den­lohn von 8,50 Euro ergibt bei einer durch­schnitt­li­chen tarif­li­chen Wochen­ar­beits­zeit von 37,7 Stun­den (Voll­zeit) ein Monats-Brut­to von 1.388 Euro. Bei Steu­er­klas­se I/0 gehen hier­von 352 Euro an Lohn­steu­er und Sozi­al­bei­trä­gen ab – unterm Strich ver­bleibt also ein Monats-Net­to in Höhe von 1.036 Euro.

Dem gegen­über steht der SGB-II-Bedarf von Allein­ste­hen­den. Er setzt sich zusam­men aus dem monat­li­chen Regel­be­darf (Stu­fe 1) von der­zeit [2014, A.d.R.] 391 Euro, sowie den Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung; zu berück­sich­ti­gen ist zudem ein Erwerbs­tä­ti­gen-Frei­be­trag37 von 300 Euro, der nicht auf die Grund­si­che­rung ange­rech­net wird.

Zieht man vom Net­to­lohn (1.036 Euro) den Regel­be­darf (391 Euro) sowie den Erwerbs­tä­ti­gen­frei­be­trag (300 Euro) ab, so ver­bleibt ein Rest von 345 Euro. Die­se 345 Euro ste­cken den Spiel­raum ab für die Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung: Lie­gen die Wohn­kos­ten ober­halb von 345 Euro, so kön­nen Allein­ste­hen­de die »Hartz-IV«-Abhängigkeit mit einem Min­dest­lohn von 8,50 Euro nicht über­win­den. Sie hät­ten trotz Voll­zeit­job wei­ter­hin Anspruch auf auf­sto­cken­de Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de.

Dass es sich hier­bei kei­nes­wegs um eine klei­ne Per­so­nen­grup­pe han­delt zei­gen die BA-Zah­len: Bei vier von zehn allein­ste­hen­den Grund­si­che­rungs-Emp­fän­gern, das waren rund 740.000 Bedarfs­ge­mein­schaf­ten (BGs), lagen die tat­säch­li­chen KdU [Kos­ten der Unter­kunft, A.d.R.] im Juli 2013 ober­halb von 345 Euro – in den alten Bun­des­län­dern, ein­schließ­lich Ber­lin, sogar bei fast jedem Zwei­ten“38.

Dass der ange­dach­te Min­dest­lohn von 8,50 Euro in vie­len Fäl­len zu knapp bemes­sen sein dürf­te, wur­de natür­lich längst erkannt, so for­der­te der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirs­ke auf dem Bun­des­kon­gress der Gewerk­schaft schon 2011 einen Min­dest­lohn „begin­nend mit 8,50 Euro und dann ziem­lich flott anstei­gend auf 10 Euro“39. Folg­lich stell­te die Lin­ke in Febru­ar 2014 einen Antrag im Bun­des­tag auf Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns in Höhe von 10 Euro40.

Nichts des­to trotz kochen beim The­ma Min­dest­lohn à 8,50 Euro im Som­mer 2014 wei­ter­hin die Gemü­ter der Wirt­schafts­ver­tre­ter hoch und die Pro­pa­gan­da­schlacht scheint nach zehn Jah­ren des Schlag­ab­tau­sches kein Ende neh­men zu wol­len. (Was übri­gens auch für ande­re Berei­che von Arbeits­schutz­ge­set­zen gilt; einen Über­blick gibt die Home­page vom Berufs­ver­band der Rechts­jour­na­lis­ten - d. Red.)

So glaubt das Mün­che­ner Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (ifo) unter Lei­tung von Hans-Wer­ner Sinn noch im Juni 2014 wis­sen zu wol­len, dass mit der Ein­füh­rung des ange­dach­ten Min­dest­lohns von 8,50 Euro bis zu 900.000 Jobs abge­baut wer­den könn­ten, da jede zehn­te Fir­ma laut einer von der ifo geführ­ten Umfra­ge Jobs strei­chen wür­de. Die Befürch­tun­gen kann man aus einem Arti­kel41 der Zeit­schrift Focus ent­neh­men, der vor den „dra­ma­ti­schen Fol­gen, die der Min­dest­lohn für die Beschäf­tig­ten haben könn­te“ glaubt war­nen zu müs­sen.

Bei sol­chen düs­te­ren und wei­test­ge­hen unbe­leg­ten Pro­phe­zei­un­gen, kann man sich kaum des Ein­drucks erweh­ren, dass es den Mei­nungs­ma­chern nicht um die Aus­lo­tung von ver­nünf­ti­gen Lösun­gen für die deut­sche Gesell­schaft ins­ge­samt geht, son­dern dar­um Gra­ben­kämp­fe im Namen von Inter­es­sen­grup­pen bis zum letzt­mög­li­chen Zeit­punkt zu füh­ren.

Ende von Teil 1 von 4.

Fort­set­zung folgt.

1 Lau­rent Joa­chim schreibt für das Buch von work-watch „Die Las­ten­trä­ger“ und publi­ziert dem­nächst das Buch „Wie Hun­ger­löh­ne unse­re Gesell­schaft zer­stö­ren“, aus dem die­se Bei­trä­ge ent­nom­men sind.

2 CDU/C­SU-Uni­on: 41,5%; SPD:25,7%; Lin­ke 8,6%; Grü­ne 8,4%; FDP:4,8%; AfD:4,7%, Pira­ten 2,2%, NPD:1,3%

3Ohne Nen­nung sei­ner Funk­ti­on: „Prof. Dr. Tho­mas Straub­haar ist Direk­tor und Spre­cher der Geschäfts­füh­rung des Ham­bur­gi­schen Welt­wirt­schafts­in­sti­tuts (HWWI)“; „Das HWWI ist pri­vat finan­ziert. Es ist unab­hän­gig und den Prin­zi­pi­en der Sozia­len Markt­wirt­schaft ver­pflich­tet“, kann man von der Inter­net-Sei­te des Insti­tuts ent­neh­men. vgl. www.hwwi.org, Rubri­ken „Leit­bild“ und „Team“, abge­ru­fen am 23.06.2014.

10 Im Lau­fe der Deka­de erfuh­ren die Hartz-Geset­ze kon­se­quen­ter­wei­se etwa 60 Anpas­sungs­än­de­run­gen.

15 Von 2002 bis 2005.

16 Ledig­lich in der Bau­bran­che erkann­te Cle­ment Kor­rek­tur­be­darf, denn dort gäbe es „einen Druck der Ille­ga­li­tät“ vgl. Grü­nen-Chef Rein­hard Bütiko­fer in Reform-Eifer: Cle­ment und Mün­te­fe­ring strei­ten über Min­dest­lohn, Der Spie­gel, 23.08.2004

21 Kabi­nett Mer­kel I

27 Groß­ko­ali­ti­on aus CDU, CSU, SPD

36 www.portal-sozialpolitik.de

37 Der Erwerbs­tä­ti­gen­frei­be­trag von 300 Euro gilt ab 1.200 Euro selbst erwirt­schaf­te­tem Ein­kom­men. Auf dem ALG-II/Hartz-IV-Regel­satz gilt ein Erwerbs­tä­ti­gen­frei­be­trag von 100 Euro in vol­ler Höhe, dann greift eine pro­gres­si­ve Anrech­nungs­pflicht für zusätz­lich erziel­tes Ein­kom­men wäh­rend der Bezugs­dau­er.

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