Honorar-Lehrer gegen prekäre Unterbezahlung

In unse­rem Buch „Die Las­ten­trä­ger” berich­ten wir auch von Leh­rern, die als bil­li­ge Arbeits­kräf­te in Volks­hoch­schu­len, staat­li­chen Bil­dungein­rich­tun­gen und bei pri­va­ten Fort­bil­dungs­trä­gern ein­ge­setzt wer­den. Der Trick: sie wer­den nicht als Ange­stell­te beschäf­tigt, son­dern als „selb­stän­di­ge” Hono­rar­kräf­te aus­ge­nutzt: sie müs­sen sich sel­ber kran­ken- und ren­ten­ver­si­chern und erhal­ten kei­ne Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall und auch kei­ne Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung, wenn sie ihren Job ver­lie­ren.

Anläss­lich eines Streiks von ange­stell­ten Leh­rern an öffent­li­chen Schu­len, die auch schon schlech­ter gestellt sind als die ver­be­am­te­ten Leh­rer, hat eine bun­des­wei­te Initia­ti­ve von Lehr­kräf­ten in Inte­gra­ti­ons­kur­sen den fol­gen­den Offe­nen Brief ver­fasst:

 

Offe­ner Brief der Initia­ti­ve Bil­dung Pre­kär (IBP)

anläss­lich der Streiks im Öffent­li­chen Dienst

Sofor­ti­ge Gleich­stel­lung der Leh­rer in Inte­gra­ti­ons­kur­sen mit den Leh­rern an öffent­li­chen Schu­len

März 2015

In meh­re­ren Bun­des­län­dern strei­ken der­zeit ange­stell­te Leh­rer. Ver­gli­chen mit den ver­be­am­te­ten Leh­rern spricht die Pres­se von ihnen als „Leh­rer zwei­ter Klas­se“. Die Initia­ti­ve Bil­dung Pre­kär (IBP), eine bun­des­wei­te Initia­ti­ve von Lehr­kräf­ten in Inte­gra­ti­ons­kur­sen, fin­det die­se Bezeich­nung irre­füh­rend, weil hier zwei Grup­pen, die im ers­ten Arbeits­markt beschäf­tigt sind, mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, ohne dass die aty­pi­schen Arbeits­ver­hält­nis­se im Bil­dungs­be­reich mit ein­be­zo­gen wer­den.

Seit­dem vor zehn Jah­ren im Zuge des Inte­gra­ti­ons­ge­set­zes von 2005 Deutsch­kur­se als ver­bind­li­ches Pflicht­an­ge­bot ein­ge­führt wur­den, kämp­fen die Deutsch­leh­rer bis­her ver­geb­lich um ihre Aner­ken­nung und eine Ent­loh­nung, von der sie ihre Fami­li­en ohne Gang zum Sozi­al­amt ernäh­ren kön­nen, um Schutz vor Alters­ar­mut und Bezah­lung bei Krank­heit. Jah­re­lan­ge Debat­ten um Hono­rar­er­hö­hun­gen haben das Grund­pro­blem zemen­tiert: Schein­selb­stän­dig­keit wur­de zur Regel.

Wir sind Betrof­fe­ne eines Sys­tems, das bun­des­weit, flä­chen­de­ckend dazu führt, dass Leh­rer auch nach Jahr­zehn­ten der Voll­zeit­ar­beit für einen Trä­ger ledig­lich Hono­rar­ver­trä­ge erhal­ten.

Wir for­dern das, was für Leh­rer an öffent­li­chen Schu­len und alle ande­ren Ange­stell­ten in die­sem Land ganz nor­mal ist: Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall, Urlaubs­ent­gelt, einen Arbeits­ver­trag, der län­ger als einen Monat läuft, das Recht auf betrieb­li­che Mit­be­stim­mung und wir wol­len, dass die Gewerk­schaf­ten einen Tarif­ver­trag für uns aus­han­deln. Leh­rer, die sich seit Jah­ren von einem Hono­rar­ver­trag zum ande­ren han­geln, ver­die­nen dar­über hin­aus eine unbe­fris­te­te Fest­an­stel­lung in Aner­ken­nung ihrer lang­jäh­ri­gen Ver­diens­te.
Da unse­re Arbeit mit der Arbeit an öffent­li­chen Schu­len ver­gleich­bar ist, for­dern wir „Glei­ches Geld für glei­che Arbeit”. Die ange­stell­ten Leh­rer an den Schu­len sind der­zeit im Streik, weil sie ein Net­to-Ein­kom­men von 1600 € für 16,5 Unter­richts­stun­den für zu wenig hal­ten, da die ver­be­am­te­ten Leh­rer meh­re­re Hun­dert Euro mehr ver­die­nen. Wir sind mit den ange­stell­ten Leh­rern soli­da­risch. Wir wol­len aber auch nicht ver­ges­sen wer­den. In einem Inte­gra­ti­ons­kurs wür­de man bei 16,5 Unter­richts­stun­den auf ein Net­to-Ein­kom­men von maxi­mal 700 € kom­men, da man als „Selbst­stän­di­ger” die gesam­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge selbst zah­len muss.

Seit zehn Jah­ren wird uns vor­ge­hal­ten, unse­re For­de­rung nach regu­lä­ren Arbeits­ver­trä­gen sei „unrea­lis­tisch“. Wir hal­ten dem ent­ge­gen: Mit uns wird ein Prä­ze­denz­fall geschaf­fen. Wenn es mög­lich ist, hoch qua­li­fi­zier­te Leh­rer auf Dau­er mit Hono­rar­ver­trä­gen abzu­spei­sen, ist dies ein Ein­falls­tor für Pre­ka­ri­sie­rung in immer mehr Berei­chen des Öffent­li­chen Sek­tors. Wenn das Schu­le macht, könn­ten Schritt für Schritt alle regu­lär beschäf­tig­ten Leh­rer durch bil­li­ge Hono­rar­kräf­te ersetzt wer­den. Unse­re Kol­le­gin Agla­ja hat hier­zu ein span­nen­des Zukunfts­sze­na­rio ent­wor­fen.

Fast alle Leh­rer sind jetzt Men­schen „Sans Papiers“ –

Leh­rer ohne Arbeits­pa­pie­re

von Agla­ja Beyes

Wir schrei­ben das Jahr 2030. Nur noch ein Drit­tel der arbei­ten­den Men­schen hat einen nor­ma­len Arbeits­ver­trag. Alle ande­ren sind 1,-Euro-Jobber, Dau­er-Prak­ti­kan­ten und Schein­selb­stän­di­ge.

Beson­ders schlimm hat es die Leh­rer erwischt. Bar­ba­ra ist eine von ihnen. „Ich arbei­te täg­lich acht bis zwölf Stun­den in mei­ner Schu­le, unter­rich­te Deutsch und Fran­zö­sisch und bei Bedarf Geschich­te und Sozi­al­kun­de“, erzählt sie. „Dafür bekom­me ich 20,- Euro pro Unter­richts­stun­de Brut­to. Wir sind Frei­be­ruf­ler und wur­den über die Volks­hoch­schu­le hier­her ver­mit­telt. Alle arbei­ten so wie ich, aus­ge­nom­men der Che­mie- und Phy­sik­leh­rer. Die sind als ein­zi­ge noch fest ange­stellt, weil die Wirt­schaft mit Abwer­bung droht.“

Vor­bo­ten die­ser Ent­wick­lung gab es in den neun­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts. Ab 2005, mit Ein­füh­rung der Inte­gra­ti­ons­kur­se für Zuwan­de­rer und Flücht­lin­ge, kam der Quan­ten­sprung. Erst­mals arbei­te­ten flä­chen­de­ckend zig­tau­sen­de Leh­rer im Staats­auf­trag Voll­zeit und wei­sungs­ge­bun­den und ohne eine Chan­ce auf Fest­an­stel­lung. Wer dage­gen klag­te, bekam kei­ne Auf­trä­ge mehr. Statt die sofor­ti­ge Fest­an­stel­lung zu ver­lan­gen, for­der­ten Oppo­si­ti­ons­par­tei­en und Gewerk­schaf­ten noch 2014 ledig­lich höhe­re Hono­ra­re.

Die Inte­gra­ti­ons­kur­se sind eine Erfolgs­ge­schich­te“ ver­kün­de­ten die Regie­rungs­par­tei­en damals. Kurz dar­auf beschloss man, das Sys­tem Schritt für Schritt auch auf die all­ge­mein­bil­den­den Schu­len aus­zu­deh­nen. Das ist bil­lig. Als ers­tes ging der Sprach­un­ter­richt in die Ver­ant­wor­tung frei­er Trä­ger, den Koope­ra­ti­ons­part­nern der Schu­len. „So wie es mir heu­te geht, so ging es schon vor einer Gene­ra­ti­on mei­nen Kol­le­gen in der Wei­ter­bil­dung“, erin­nert sich Bar­ba­ra. Doch die War­nun­gen von damals nahm kaum jemand ernst. Im Gegen­teil: Die­se „Erfolgs­sto­ry“ wur­de aus­ge­wei­tet.

Die Fol­gen? „Wer krank ist, bekommt kein Geld. Dar­um schlep­pen wir uns krank in den Unter­richt, solan­ge, bis die Eltern unse­rer Kin­der kom­men, uns ins Bett schi­cken und selbst den Unter­richt über­neh­men.“ Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, Ren­ten­ver­si­che­rung, Kran­ken­ver­si­che­rung erschei­nen als blas­se Erin­ne­run­gen an die Zeit eines Sozi­al­staa­tes. „Zum Glück gibt es „Ärz­te ohne Gren­zen“ mit ihrer Not­fall­kran­ken­ver­sor­gung für Men­schen „San Papiers“, für die Flücht­lin­ge ohne Auf­ent­halts­pa­pie­re und für uns, die Leh­rer ohne Arbeits­pa­pie­re.“