Fielmann: Kranke am Pranger

 

(gk) Im Juni letz­ten Jah­res hat­te eine reprä­sen­ta­ti­ve Mit­ar­bei­ter­um­fra­ge zur Arbeits­zeit­re­ge­lung unter den 1000 Beschäf­tig­ten des Pro­duk­ti­ons- und Logis­tik­zen­trums Rathe­nower Opti­sche Wer­ke (ROW) erge­ben, dass sich 85 Pro­zent eine „bes­se­re Unter­neh­mens­kul­tur und ein bes­se­res Füh­rungs­ver­hal­ten“ wün­schen. Die­se Umfra­ge bei den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern der hun­dert­pro­zen­ti­gen Toch­ter der Fiel­mann AG war ein wich­ti­ger Aus­lö­ser für die Neu­ver­hand­lun­gen der bis Ende letz­ten Jah­res gel­ten­den Betriebs­ver­ein­ba­rung, die u.a. eine wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit von 50 Stun­den beinhal­te­te.

 

Vor allem die Beschäf­tig­ten der Bril­len­fer­ti­gung, die Bestel­lun­gen aus ganz Euro­pa bear­bei­ten und im ver­gan­ge­nen Jahr 3,5 Mil­lio­nen Bril­len mon­tier­ten, hat­ten unter Über­stun­den und Mehr­ar­beit zu lei­den. Das führ­te zu einem hohen Kran­ken­stand  in der Abtei­lung, in der etwa die Hälf­te der Beleg­schaft arbei­tet. Des­halb hat­ten Betriebs­rat und Geschäfts­füh­rung des Wer­kes – ohne Tarif­bin­dung und mit zehn Pro­zent der Beschäf­tig­ten, die in der IG Metall orga­ni­siert sind – eine neue Betriebs­ver­ein­ba­rung unter­zeich­net, die seit Anfang des Jah­res in Kraft getre­ten ist. Sie beschränkt die Über­stun­den­zahl auf die  gesetz­lich zuläs­si­ge Höchst­gren­ze von 48 Stun­den pro Woche und sieht u.a. Mit­spra­che­rech­te des Betriebs­ra­tes vor, wenn ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter zu vie­le Über­stun­den ange­häuft haben.  (Work-Watch berich­te­te)

 

Nun ist ein hal­bes Jahr ver­gan­gen und work-watch hat nach­ge­fragt, wie die­se Betriebs­ver­ein­ba­rung des „klei­ne­ren Übels“, so der IGM-Sekre­tär Lars Buch­holz, sich in den ROW aus­ge­wirkt hat.  Zwar wür­de in kei­ner Abtei­lung mehr län­ger als 48 Stun­den in der Woche gear­bei­tet – aber nach wie vor wür­den Über­stun­den und Mehr­ar­beit nicht ange­mes­sen ange­kün­digt, son­dern von der Geschäfts­füh­rung und Abtei­lungs­lei­tung  „auf unbe­stimm­te Zeit“ ange­ord­net. De fac­to bedeu­tet das: Vie­le Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen müs­sen bei ent­spre­chen­der Auf­trags­la­ge abends län­ger an der Werk­bank sit­zen als geplant. Auch Mit­ar­bei­ter, die bereits mehr als 40 Über­stun­den ange­häuft hät­ten, muss­ten im Juni wei­ter Mehr­ar­beit leis­ten, ohne dass der Betriebs­rat gefragt wur­de, was nach neu­er Betriebs­ver­ein­ba­rung eigent­lich ver­ab­re­det ist.

 

Die neue ist zwar ein deut­li­cher Fort­schritt gegen­über der alten Betriebs­ver­ein­ba­rung, aber sie soll­te auch ein­ge­hal­ten wer­den“, so Lars Buch­holz. Im Juli wären zehn Mit­ar­bei­ter bereits in die „rote Pha­se“ gekom­men, d.h. sie haben mehr als 80 Über­stun­den auf ihrem Kon­to, sechs Mit­ar­bei­ter hät­ten in die­sem Jahr bereits die kri­ti­schen „sie­ben Sams­ta­ge“ gear­bei­tet. Der Gewerk­schafts­se­kre­tär kri­ti­siert auch das Ver­hal­ten der Betriebs­rats­mehr­heit und des Betriebs­rats­vor­sit­zen­den, die sich bei Kon­flik­ten oft damit begnüg­ten, den Per­so­nal­chef im Hau­se, einen Juris­ten, zu Rate zu zie­hen, anstatt den per Rah­men­ver­trag zwi­schen Betriebs­rat und Geschäfts­füh­rung finan­zier­ten Arbeit­neh­mer­an­walt aus Ham­burg zu kon­sul­tie­ren.  Das könn­te auch eine Erklä­rung dafür sein, dass der Geschäfts­füh­rer der ROW, Gün­ter Schmid, kei­ne der Fra­gen von work-watch zu Über­stun­den und Kran­ken­stand beant­wor­te­te, son­dern statt­des­sen dar­auf hin­wies, dass der Ver­hand­lungs­füh­rer des Betriebs­ra­tes die Betriebs­ver­ein­ba­rung zur Arbeits­zeit als „inter­es­sen­ge­recht und aus­ge­wo­gen wür­dig­te“, weil so den „in der augen­op­ti­schen Bran­che bekann­ten sai­so­na­len Auf­trags­spit­zen ent­spre­chend begeg­net“ wer­den kön­ne.

 

Der Kran­ken­stand jeden­falls ist nicht „aus­ge­wo­gen”: In der Bril­len­fer­ti­gung liegt er im Schnitt nach wie  vor bei zehn Pro­zent und gegen Ende der Arbeits­wo­che, wenn die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter erschöpft sind, ist er oft beson­ders hoch. Im ers­ten Halb­jahr sei­en schon Höchst­wer­te von 16 Pro­zent  erreicht wor­den.

 

Zusätz­li­ches Per­so­nal ein­zu­stel­len scheint nicht die Prio­ri­tät der ROW-Geschäfts­füh­rung zu sein. Statt­des­sen wur­den bis Juni in jeder Abtei­lung Schicht­plä­ne aus­ge­hängt, die u.a. die krank gemel­de­ten Mit­ar­bei­ter nament­lich auf­führ­ten. „Damit wer­den die Kol­le­gen gegen­ein­an­der aus­ge­spielt nach dem Mot­to: jetzt müs­sen wir für Dich mit­ar­bei­ten“, so Lars Buch­holz.  So Zwie­tracht zwi­schen den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern zu säen hat offen­sicht­lich Metho­de: Schon im Janu­ar ver­öf­fent­lich­te Work-Watch ein Pho­to vom schwar­zen Brett bei ROW, in der die Geschäfts­füh­rung Über­stun­den und Mehr­ar­beit mit dem hohen Kran­ken­stand begrün­de­te.  Wer so Ursa­che und Wir­kung ver­dreht, trägt nach­hal­tig zur Ver­gif­tung des Betriebs­kli­mas bei.

 

Trotz der har­ten Arbeits­be­din­gun­gen ver­dient etwa die  Hälf­te der Beschäf­tig­ten in der Bril­len­fer­ti­gung nur knapp über dem Min­dest­lohn: 1500 Euro brut­to monat­lich. Und das bei einer Akti­en­ge­sell­schaft wie Fiel­mann, die nach einem Rekord­um­satz im Jahr 2014 inge­samt 134 Mil­lio­nen Euro Divi­den­de an die Aktio­nä­re aus­ge­schüt­tet hat.