Die Revolte der neuen Dienstboten

Arbeitsbedingungen bei Foodora und Co. FahrerInnen unter Druck, Profite streichen andere ein. Es regt sich Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten wie Foodora.

von Geor­gia Pal­mer taz 22.7.17

Umwelt­freund­lich, qua­li­täts­be­wusst, hip: So prä­sen­tie­ren sich die Essens­lie­fer­diens­te Foo­do­ra und Deli­ver­oo ihren Kun­den. Eine Flot­te von Fahr­rad­ku­rie­ren lie­fert für sie euro­pa­weit Gerich­te von den laut Eigen­wer­bung „bes­ten Restau­rants“ direkt nach Hau­se oder ins Büro: CO2-neu­tral, in maxi­mal 30 Minu­ten. Ihren Fah­rern ver­spre­chen Foo­do­ra und Co. Fle­xi­bi­li­tät, guten Lohn und die Auf­nah­me in ein jun­ges, dyna­mi­sches „Start-up-Team“.

Seit eini­ger Zeit aber bekommt die­ses Bild Ris­se. Vor etwa einem Jahr gin­gen Fah­rer in Groß­bri­tan­ni­en zum ers­ten Mal gegen Deli­ver­oo auf die Stra­ße. Seit­dem for­miert sich euro­pa­weit Wider­stand gegen bei­de Unter­neh­men: Von Mar­seil­le über Wien bis Leeds kämp­fen Kam­pa­gnen für grund­le­gen­de Arbeits­rech­te und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen. In Ber­lin orga­ni­sie­ren sich Fah­rer bei­der Unter­neh­men gemein­sam in der Kam­pa­gne #deli­ver­uni­on.

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Ihre Kri­tik: Im Namen der Fle­xi­bi­li­tät unter­wan­dern Deli­ver­oo und Foo­do­ra arbeits­recht­li­che Min­dest­stan­dards. Hin­ter ihrem freund­li­chen Image ver­birgt sich knall­har­te Kal­ku­la­ti­on zulas­ten der Beschäf­tig­ten. Zusam­men mit Uber, Ama­zon und Co. ste­hen die bei­den Start-ups damit für eine Ent­wick­lung, die unter Schlag­wor­ten wie „Gig-Eco­no­my“, „Arbeit auf Abruf“ und „Platt­form-Kapi­ta­lis­mus“ zuneh­mend Ein­gang in die öffent­li­che Debat­te fin­det. An die Stel­le von fes­ten Arbeits­zei­ten tre­ten dabei ein­zel­ne Auf­trä­ge („gigs“) oder kur­ze Schich­ten, die nach Bedarf des Unter­neh­mens kurz­fris­tig ver­ge­ben wer­den. So wer­den pre­kä­re Arbeits­be­din­gun­gen geschaf­fen und, in Ver­bin­dung mit der Digi­ta­li­sie­rung, wird die gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sie­rung erschwert.

Die Arbeits­ab­läu­fe bei Foo­do­ra und Deli­ver­oo sind bei­na­he voll­stän­dig digi­ta­li­siert. Der Schicht­plan wird über eine Online-Platt­form erstellt; über die Ver­ga­be der ein­zel­nen Schich­ten ent­schei­det ein Algo­rith­mus. Wenn Fah­rer nicht genü­gend Arbeits­stun­den zuge­teilt bekom­men – was die Regel ist –, suchen sie über die Platt­form oder in Whats­App-Grup­pen nach frei­en Schich­ten. Auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Büro ver­läuft teil­wei­se digi­tal und oft anonym – was einen gemein­sa­men Arbeits­raum größ­ten­teils über­flüs­sig macht.

Psychischer und physischer Druck

Um über­haupt für eines der bei­den Unter­neh­men arbei­ten zu kön­nen, benö­tigt man neben einem Fahr­rad ein Smart­pho­ne der neue­ren Gene­ra­tio­nen, denn der Arbeits­all­tag wird von einer App bestimmt. Die­se über­mit­telt den jeweils aktu­el­len Stand­ort der Fah­rer. Jede Schicht beginnt mit dem Log-in in die App; ein­log­gen kann sich nur, wer sich im vor­ge­se­he­nen Start­ge­biet befin­det. So wird das Smart­pho­ne zur digi­ta­len Stech­uhr. Wäh­rend der Schich­ten ist es wie­der­um ein Algo­rith­mus, der die online ein­ge­hen­den Essens­be­stel­lun­gen den Fah­rern zuteilt.

Die App misst auch die Leis­tung der Kurie­re. Auf die­ser Grund­la­ge erstel­len Foo­do­ra und Deli­ver­oo Sta­tis­ti­ken etwa über Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit beim Fah­ren oder Trep­pen­stei­gen und die durch­schnitt­li­che Anzahl der aus­ge­fah­re­nen Bestel­lun­gen. Der Lohn der Fah­rer hängt teil­wei­se von die­sen Sta­tis­ti­ken ab. Bei Foo­do­ra gibt es ein soge­nann­tes leis­tungs­ba­sier­tes Bonus­sys­tem: Wer im Monats­durch­schnitt mehr als 2,2 Lie­fe­run­gen pro Stun­de schafft und min­des­tens 20 Stun­den pro Monat am Wochen­en­de arbei­tet, erhält rück­wir­kend einen Euro zusätz­lich für jede gear­bei­te­te Stun­de. Für die „frei­en Mit­ar­bei­ter“ bei Deli­ver­oo dage­gen gibt es gar kei­nen fes­ten Stun­den­lohn mehr, son­dern nur noch etwa fünf Euro je aus­ge­lie­fer­ter Bestel­lung. Für die Fah­rer bedeu­ten die­se Bedin­gun­gen eine hohe psy­chi­sche und phy­si­sche Belas­tung und gro­ße finan­zi­el­le Unsi­cher­heit.

Die Investoren erwarten Rendite

Für Foo­do­ra und Deli­ver­oo ist die Digi­ta­li­sie­rung dage­gen Geschäfts­mo­dell. App, Web­sei­te und Algo­rith­men sind im Wesent­li­chen das, was sie zur Wert­schöp­fungs­ket­te bei­steu­ern. Sie bie­ten damit eine Platt­form, über die Bestel­lun­gen zwi­schen Restau­rants, Fah­rern und Kun­den ver­mit­telt wer­den. Etwa 30 Pro­zent des Umsat­zes erhal­ten sie von den Restau­rants als Pro­vi­si­on, eine Lie­fer­ge­bühr in Höhe von 2,50 Euro von den Kun­den. Ihre digi­ta­len Dienst­bo­ten bezah­len sie zwar selbst, doch ein Groß­teil der Kos­ten für deren Arbeits­mit­tel – Fahr­rad und Smart­pho­ne – wird an die Fah­rer aus­ge­la­gert.

Seit der Grün­dung von Foo­do­ra in Mün­chen 2014 und von Deli­ver­oo in Lon­don 2013 schrei­ben die welt­weit agie­ren­den Unter­neh­men noch rote Zah­len. Ähn­lich wie im Fall des Fern­bus­un­ter­neh­mens Flix­bus besteht ihr unter­neh­me­ri­sches Kon­zept dar­in, den jewei­li­gen Kon­kur­ren­ten in einem erbit­ter­ten Preis­un­ter­bie­tungs­wett­be­werb vom Markt zu ver­drän­gen und sich so in Mono­pol­stel­lung zu brin­gen. Die­se Stra­te­gie ist nur durch lang­fris­ti­ge, risi­ko­rei­che Inves­ti­tio­nen mög­lich. Inves­to­ren aber erwar­ten Ren­di­te.

Bei­de Unter­neh­men sind also einem dop­pel­ten Preis­druck aus­ge­setzt: Einer­seits müs­sen sie ihre Prei­se nied­rig hal­ten, um im Kon­kur­renz­kampf bestehen zu kön­nen; ande­rer­seits brau­chen sie (per­spek­ti­visch) gro­ße Gewinn­mar­gen, um ihre Inves­to­ren nicht zu ver­är­gern.

Auf Lohn verzichten fürs „Team“?

Die­ser Druck wird an die Fah­rer wei­ter­ge­ge­ben. Das passt zur Rhe­to­rik der Unter­neh­men: Sie gerie­ren sich als klei­ne „Start-up-Teams“, die ums Über­le­ben kämp­fen, und sug­ge­rie­ren, die Fah­rer sei­en Teil die­ser „Teams“. Stets freund­lich tei­len sie ihren Beschäf­tig­ten in regel­mä­ßi­gen Abstän­den wei­te­re Ver­schlech­te­run­gen der Arbeits­be­din­gun­gen mit. In die­ser „Team“-Rhetorik sind Lohn­kür­zun­gen oder die Abschaf­fung von Zuschlä­gen ledig­lich kurz­fris­ti­ge Nach­tei­le, die die Fah­rer zum Woh­le des Unter­neh­mens­wachs­tums doch sicher in Kauf näh­men. Schließ­lich mach­ten sie ihren Job ja ger­ne – und woll­ten ihn nicht ver­lie­ren.

Mit die­ser Kom­bi­na­ti­on aus Zucker­brot und Peit­sche set­zen Foo­do­ra und Co. ihre Fah­rer unter Druck und ver­schlei­ern die fun­da­men­tal ent­ge­gen­ge­setz­te Inter­es­sen­la­ge der Arbei­ter auf der einen und der Inves­to­ren und Mana­ger auf der ande­ren Sei­te. Denn wäh­rend ers­te­re das Unter­neh­mens­ri­si­ko (mit-)tragen, indem sie auf gerech­ten Lohn „ver­zich­ten“ und ihre Arbeits­mit­tel selbst stel­len, wer­den Pro­fi­te aus­schließ­lich an die Inves­to­ren flie­ßen.

Flexibilität als Trugbild

Ein wei­te­rer wesent­li­cher Bestand­teil der Mar­ke „Start-up“ ist die Fle­xi­bi­li­tät. Wer für die digi­ta­len Lie­fer­diens­te arbei­te, genie­ße größt­mög­li­che Frei­heit in der Ein­tei­lung der Arbeits­zeit und kön­ne sich „schnell mal ein paar Euro dazu ver­die­nen“.

De fac­to ist die Kurier­tä­tig­keit aller­dings Haupt- oder sogar ein­zi­ge Ein­nah­me­quel­le vie­ler Fah­rer. Auch bei der Fle­xi­bi­li­tät ste­hen die Inter­es­sen der Arbei­ter den­je­ni­gen des Unter­neh­mens dia­me­tral ent­ge­gen. Gibt es mehr Schich­ten als Fah­rer, kön­nen sich die­se ihre Arbeits­zeit fle­xi­bel ein­tei­len. Ist das Ver­hält­nis dage­gen umge­kehrt, ent­steht ein Kon­kur­renz­kampf um Schich­ten, der dem Unter­neh­men in die Hän­de spielt. Um eine aus­rei­chen­de Anzahl an Stun­den arbei­ten zu kön­nen – und damit ein exis­tenz­si­chern­des Ein­kom­men zu haben –, müs­sen die Fah­rer stän­dig auf Abruf sein und jede Schicht anneh­men, die sie krie­gen kön­nen.

So wer­den sie aus Unter­neh­mens­sicht zu einer fle­xi­bel ein­setz­ba­ren Mas­se an Arbeits­kraft; die Opti­mie­rung der Arbeits­ab­läu­fe ist damit garan­tiert. Auch hier ist also wie­der eine Ver­la­ge­rung des Unter­neh­mens­ri­si­kos auf die Arbei­ter zu beob­ach­ten, die hin­ter dem Trug­bild der Fle­xi­bi­li­tät ver­schwimmt.

Organisierbar nur mit langem Atem

Sowohl die Unzu­frie­den­heit als auch die Soli­da­ri­tät der Fah­rer unter­ein­an­der sind groß. Fah­rer bei­der Unter­neh­men sind über Whats­App orga­ni­siert. Auf jedem Orga­ni­sa­ti­ons­tref­fen der #deli­ver­uni­on sto­ßen neue Beschäf­tig­te dazu. Die euro­pa­wei­te Ver­net­zung der Kurier­fah­rer und das wach­sen­de Inter­es­se der media­len Öffent­lich­keit an den Arbeits­be­din­gun­gen in der „Gig-Eco­no­my“ geben der Kam­pa­gne zusätz­li­chen Schwung. In Ber­lin gera­ten bei­de Unter­neh­men zuse­hends unter Druck. Nach einer Fahr­rad­de­mo im Mai bekam Foo­do­ra E-Mails von Kun­den, die erklär­ten, sie wür­den auf­grund der schlech­ten Bedin­gun­gen kein Essen mehr bestel­len.

Trotz erheb­li­cher Schwie­rig­kei­ten ist das neue digi­ta­le Pre­ka­ri­at also kei­nes­wegs unor­ga­ni­sier­bar. Um den neu­en For­men der Aus­beu­tung etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, sind aber neue Stra­te­gi­en nötig. Wenn das Smart­pho­ne die moder­ne Stech­uhr ist, dann müs­sen Online-Platt­for­men und Nach­rich­ten-Apps zum digi­ta­len Treff­punkt der Arbei­ter wer­den. Wenn die Image­kam­pa­gnen der Unter­neh­men zuneh­mend über sozia­le Netz­wer­ke lau­fen, wird man ihnen mit Flug­blät­tern allein nicht viel ent­ge­gen­set­zen kön­nen.

Fest steht aller­dings schon jetzt: Für ihren Arbeits­kampf wer­den die Fahr­rad­ku­rie­re einen lan­gen Atem brau­chen.