Fliegendes Personal: Legales Bossing

(gk) Nach einer Anhö­rung folg­te das Frank­fur­ter Arbeits­ge­richt am 18.April den Argu­men­ten der Geschäfts­füh­rung der Flug­li­nie Sun Express und unter­sag­te die Wahl eines Betriebs­ra­tes für die 1300 Beschäf­tig­ten. Mit­te März hat­ten die Mit­ar­bei­ter auf einer Betriebs­ver­samm­lung bereits einen drei­köp­fi­gen Wahl­vor­stand gewählt. Eigent­lich soll­te in einem Betrieb die­ser Grö­ße, der zu glei­chen Tei­len der Luft­han­sa und Tur­kish Air­lines gehört, die Grün­dung eines Betriebs­ra­tes kein Pro­blem sein.

 

Aber hier greift eine Son­der­re­ge­lung für das flie­gen­de Per­so­nal: „Für im Flug­be­trieb beschäf­tig­te Arbeit­neh­mer von Luft­fahrt­un­ter­neh­men kann durch Tarif­ver­trag eine Ver­tre­tung errich­tet wer­den,” lau­tet der Para­graf 117 des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes. Der Para­graf gilt seit 2001. In der zwei­ten Häf­te der 1990er Jah­re kam es zur voll­stän­di­gen Pri­va­ti­sie­rung der Luft­han­sa und der Grün­dung zahl­rei­cher neu­er Flug­li­ni­en. Die Aus­nah­me­re­ge­lung wird vor­der­grün­dig mit der angeb­lich feh­len­den Anbin­dung des mobi­len Per­so­nals an einen Ort und  damit einen Betriebs­rat begrün­det. Tat­säch­lich dürf­te sie Pro­dukt inten­si­ver Lob­by­ar­beit gewe­sen sein. Immer wie­der bemü­hen jeden­falls ver­schie­de­ne Flug­li­ni­en die­ses Son­der­ge­setz, um die Ein­rich­tung eines Betriebs­ra­tes zu ver­hin­dern, u.a. Easy­jet und Aero­lo­gic, ein Joint Ven­ture von DHL und Luft­han­sa Car­go (die Mut­ter­ge­sell­schaft ist noch tarif­ge­bun­den). Ohne Tarif­ver­trag kein Betriebs­rat, lau­tet die Begrün­dung der Flug­ge­sell­schaf­ten. UnFlug­ge­sell­schaf­ten Pri­va­ti­sie­rungd einen Tarif­ver­trag lehnt Sun Express kate­go­risch ab.

 

Vie­le Rechts­ex­per­ten und der DGB bezwei­feln, dass der Para­graf 117 euro­pa­rechts­kon­form ist. In der EU-Mit­be­stim­mungs­richt­li­nie wird nur die Hoch­see­schiff­fahrt als Aus­nah­me genannt, nicht die Luft­fahrt.

 

Fach­an­wäl­te wie Mar­tin Hen­sche aus Ber­lin zwei­feln auch die gän­gi­ge Inter­pre­ta­ti­on des Para­graf 117 durch Arbeits­ge­rich­te und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te an. Im­mer­hin las­se sich das Gesetz von sei­nem Wort­laut her auch so ver­ste­hen, „dass dem Ar­beit­ge­ber nur die Möglich­keit ei­nes ta­rif­li­chen Re­ge­lung ge­ge­ben wird, d.h. dass ei­ne be­trieb­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­tung des Flug­per­so­nals auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge (wenn es ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag nicht gibt) nicht aus­ge­schlos­sen wird.” Weder die­ser, noch der Argu­men­ta­ti­on der Gewerk­schaf­ten ist bis­her ein Gericht gefolgt. Ein höchst­in­stanz­li­ches Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts im Fall von Aero­lo­gic steht noch aus. Im Fall von Sun Express haben die Pilo­ten­ge­werk­schaft VC Cock­pit und die der Flug­be­glei­ter, UFO, ange­kün­digt, vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt in Beru­fung zu gehen.