Wentronic: BR-Wahlen undemokratisch?

 

(gk) „Zukunft­ge­ber”, so darf sich das Braun­schwei­ger Elek­tro­nik­un­ter­neh­men Wen­tro­nic seit die­sem Som­mer nen­nen. Wen­tro­nic beschäf­tigt in sei­nem Braun­schwei­ger Haupt­sitz 200 Mit­ar­bei­te­rIn­nen, ver­treibt vor allem Zube­hör für Unter­hal­tungs­elek­tro­nik — u.a. Anten­nen, Adap­ter und Kabel jeder Art, und erwirt­schaf­tet einen Jah­res­um­satz von 58 Mil­lio­nen Euro.

 

Der „Zukunft­ge­ber” ist ein regio­na­les Qua­li­täts­sie­gel des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des Regi­on Braun­schweig. Aus­ge­zeich­net wer­den klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Betrie­be mit beson­ders „attrak­ti­ven Arbeits­be­din­gun­gen”, heißt es auf der Home­page. 

 

Ein Betriebs­rat gehört offen­sicht­lich beim Fami­li­en­un­ter­neh­men Wen­tro­nic nicht zum Pro­fil eines „attrak­ti­ven Arbeit­ge­bers”. Erst­mals seit dem 25 jäh­ri­gen Bestehen gab es den Ver­such, eine Betriebs­rats­wahl zu initi­ie­ren. Drei Beschäf­tig­te schrie­ben im Früh­jahr die Geschäfts­lei­tung an, die bei­den Brü­der Mar­cus und Micha­el Wendt, und luden zur Wahl­ver­samm­lung fünf Wochen spä­ter ein. Die Zeit wur­de von der Geschäfts­füh­rung genutzt, um auf eigens ein­be­ru­fe­nen Mit­ar­bei­ter­ver­samm­lun­gen gegen den geplan­ten Betriebs­rat mobil zu machen. Die Grün­dung eines Betriebs­ra­tes, so droh­te dort einer der Brü­der, kom­me einer „Ent­eig­nung” des Unter­neh­mens gleich.

 

Die Ein­schüch­te­rung wirk­te offen­sicht­lich: Bei der Wahl­ver­samm­lung gaben dann über die Hälf­te der anwe­sen­den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter lee­re Wahl­zet­tel ab. Für den Geschäfts­füh­rer Micha­el Wendt ein kla­res Zei­chen dafür, dass die Mehr­heit der Beleg­schaft kei­nen Betriebs­rat wün­sche.  Das sieht Kor­ne­lia Jung, die zustän­di­ge ver.di-Gewerkschaftssekretärin, anders. Seit mehr als zehn Jah­ren sei sie nun zustän­dig für den Bereich Han­del in Braun­schweig, aber „so eine mas­si­ve Blo­cka­de­hal­tung gegen­über einem Betriebs­rat habe ich noch nie erlebt”, betriebs­rats­freund­li­che Mit­ar­bei­ter wür­den regel­recht schi­ka­niert. Ein ehe­ma­li­ger Wen­tro­nic-Mit­ar­bei­ter beschrieb gegen­über dem regio­na­len Online­por­tal news38.de, dass unbot­mä­ßi­ge Ange­stell­te „zum Chef geru­fen und dann auf ihr Alter ange­spro­chen wer­den. Ob sie glau­ben, dass sie in ihrem Alter noch was ande­res fin­den”. Im glei­chen Bei­trag bestrei­tet Micha­el Wendt, jemals Druck auf Mit­ar­bei­ter aus­ge­übt zu haben. Statt­des­sen „sind vie­le Mit­ar­bei­ter zu mir gekom­men und haben gesagt, dass hier eini­ge weni­ge ihr eige­nes Ding durch­zie­hen wol­len”, so der Geschäfts­füh­rer.

 

Nach einem geschei­ter­ten Güte­ter­min soll nun am 21.August um 10 Uhr das Arbeits­ge­richt in Braun­schweig den Wahl­vor­stand ein­set­zen.  Aller­dings hat einer der drei Brie­fe­schrei­ber mitt­ler­wei­le auf­ge­ge­ben und gekün­digt. Doch ein Nach­rü­cker ist nach Anga­ben der Gewerk­schafts­se­kre­tä­rin bereits gefun­den und zusam­men wol­len sie das Recht auf einen Betriebs­rat vor dem Arbeits­ge­richt durch­set­zen. Auf Unter­stüt­zung durch ihre Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen vor Gericht kön­nen sie dabei jedoch nicht zäh­len. „Die Beleg­schaft ist tief ver­un­si­chert, nie­mand traut sich aus der Deckung”, beschreibt Kor­ne­lia Jung gegen­über work-watch die der­zei­ti­ge Atmo­sphä­re im Betrieb. Sie habe einen anony­men Brief von meh­re­ren Wen­tro­nic-Mit­ar­bei­tern erhal­ten, der die Ein­schüch­te­run­gen im Vor­feld der Wahl­ver­samm­lung bestä­ti­ge und im Namen der Mehr­heit der Beleg­schaft für die Ein­rich­tung eines Betriebs­ra­tes plä­die­re. Auf ihre Ein­la­dung zu einem Tref­fen mit den Ver­fas­sern des Brie­fes „in einem geschütz­ten Raum” gebe es bis­her lei­der noch kei­ne Reak­ti­on.

 

Der Geschäfts­füh­rer will neue Stan­dards set­zen. Er hat bereits ange­kün­digt, vor die nächs­te Instanz, not­falls sogar vor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu zie­hen. Es sei ein „Feh­ler im Sys­tem”, wenn trotz des gegen­tei­li­gen Votums aus der Beleg­schaft gericht­lich ein Betriebs­rat „durch­ge­boxt” wer­den sol­le, nur weil es das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz so vor­se­he.  Des­halb sei es Zeit für Ver­än­de­rung — und die kön­ne von Braun­schweig aus­ge­hen, sag­te Micha­el Wendt news 38.de. Zulas­sen will Wendt hin­ge­gen ein recht­lich nicht wei­ter fixier­tes „Mit­ar­bei­ter-Gre­mi­um”, dass dann z.B. über Anlie­gen wie die Weih­nachts­fei­er bera­ten kön­ne, zitiert die Braun­schwei­ger Zei­tung den Geschäfts­füh­rer.