Fair im Betrieb NRW“ – Bericht von der Bilanzkonferenz

Seit 2015 unter­stützt das Pro­jekt „Fair im Betrieb“ in NRW Betriebs- und Per­so­nal­rä­te, die in ihrer Arbeit durch die Arbeit­ge­ber mas­siv behin­dert, dif­fa­miert und unter Druck gesetzt wer­den. Bei der Kon­fe­renz am 23.01.19 in Düs­sel­dorf hat das Pro­jekt eine Bilanz der bis­he­ri­gen Arbeit gezo­gen, den Stand der For­schung zu den The­men „Bos­sing“ und „Uni­on Bus­ting“ prä­sen­tiert und die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen zur struk­tu­rel­len Gegen­wehr bei den Gewerk­schaf­ten vor­ge­stellt.

 

In sei­ner Begrü­ßung erin­ner­te Dr. David Min­tert, Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Arbeit und Leben DGB/VHS NRW, an die 100-jäh­ri­ge Geschich­te der betrieb­li­chen Mit­be­stim­mung in Deutsch­land.  Seit der Ein­füh­rung des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes im Jahr 1952 ist die Behin­de­rung von Betriebs­rats­ar­beit ein Straf­tat­be­stand. Des­halb muss der Auf­bau sys­te­ma­ti­scher Behin­de­rungs­stra­te­gi­en durch Arbeit­ge­ber ver­hin­dert wer­den.

NRW Lan­des­schlich­te­rin Yvon­ne Sach­t­je, die sich sich as Schirm­her­rin des  Pro­jekts ver­steht, wies in ihrem Gruß­wort dar­auf hin, dass Mit­be­stim­mung eine der tra­gen­den Säu­len der Wirt­schaft in NRW sei und die Unter­neh­men leis­tungs­fä­hi­ger und pro­duk­ti­ver mache. Ange­sichts sin­ken­der Tarif­bin­dung in den Betrie­ben müs­se der Wert betrieb­li­cher Mit­be­stim­mung noch stär­ker als bis­her deut­lich gemacht wer­den.

Susan Paeschke von Arbeit und Leben NRW prä­sen­tier­te anschlie­ßend sei­tens des Pro­jekt­teams Zah­len, Daten und Fak­ten zum Pro­jekt. Das Pro­jekt star­te­te 2015 und wird getra­gen durch „Arbeit und Leben NRW“ und die „Gün­ter-Wall­raff-Stif­tung“. Das Land NRW för­dert das Pro­jekt mit Mit­teln aus dem Euro­päi­schen Sozi­al­fonds. In der ers­ten Pro­jekt­pha­se ging es um eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung, wel­che Aus­ma­ße „Bos­sing“ und „Uni­on Bus­ting“ in NRW haben, um dann zu ana­ly­sie­ren, nach wel­chem „Dreh­buch“ die stu­fen­wei­se Eska­la­ti­ons­stra­te­gie der Arbeit­ge­ber gegen unlieb­sa­me Betriebs- und Per­so­nal­rä­te erfolgt. Auf die­ser Basis konn­te das Pro­jekt über die Pro­jekt­bü­ros in Düs­sel­dorf und Köln Beratungs‑, Betreu­ungs- und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te für die Betrof­fe­nen ent­wi­ckeln und umset­zen. Bis­lang betreu­te das Pro­jekt 66 Fäl­le, von denen noch 14 aktu­ell in der Bera­tung sind.In der zwei­ten Pro­jekt­pha­se ab 2017 ste­hen die Ent­wick­lung von Lang­zeit­be­ra­tungs­kon­zep­ten, die Netz­werk­ar­beit und die Mul­ti­pli­ka­to­ren-Schu­lung im Mit­tel­punkt. Offe­ne Hand­lungs­fel­der sieht Paeschke in der Fra­ge der Exis­tenz­si­che­rung der Betrof­fe­nen, die häu­fig durch die frist­lo­se Kün­di­gung des Arbeit­ge­bers von heu­te auf mor­gen ohne Ein­kom­men sind. Dar­über hin­aus gilt es, die For­schung zu dem The­ma zu inten­si­vie­ren und juris­ti­sche Alter­na­ti­ven zum § 119 BetrVG zu ent­wi­ckeln, über den Straf­an­zei­gen wegen Behin­de­rung von Betriebs­rats­ar­beit gestellt wer­den kön­nen, der sich in der Pra­xis aber als wir­kungs­los erweist.

 

Dr. Mar­tin Beh­rens vom Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut (WSI) in der Hans-Böck­ler-Stif­tung prä­sen­tier­te die Ergeb­nis­se einer Befra­gung zu mit­be­stim­mungs­feind­li­chem Ver­hal­ten, die das WSI in meh­re­ren Stu­fen bei Gewerk­schafts­se­kre­tä­ren und Betriebs­rä­ten der Ein­zel­ge­werk­schaf­ten NGG, IG Metall und IG BCE durch­ge­führt hat. Dabei wur­de deut­lich, dass es vor allem bei der erst­ma­li­gen Wahl eines Betriebs­ra­tes zu Behin­de­run­gen durch den Arbeit­ge­ber kam. Betrof­fen waren über­wie­gend inha­ber­ge­führ­te mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men auch aus dem ver­ar­bei­ten­dem Gewer­be. Anwalts­kanz­lei­en haben mitt­ler­wei­le die Ent­wick­lung von Behin­de­rungs­stra­te­gi­en betrieb­li­cher Mit­be­stim­mung als

Mar­tin Rapp und Pago­nis Pagona­kis vom Pro­jekt­team inter­view­ten anschlie­ßend mit Memet Öcz­an und Timm Boß­mann zwei Betrof­fe­ne. Memet Öcz­an, Betriebs­rats­vor­sit­zen­der Bau­haus Wit­ten, führt seit meh­re­ren Jah­ren eine erbit­ter­te Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Arbeit­ge­ber, der mit allen Mit­teln ver­sucht, die Arbeit des Betriebs­ra­tes zu behin­dern und zu sabo­tie­ren. Sei­ne Gegen­stra­te­gie: Vol­ler Rück­halt im Gre­mi­um und in der Beleg­schaft, Sach­ar­beit für die Beleg­schaft hat Vor­rang vor Schar­müt­zeln mit dem Arbeit­ge­ber, Ver­net­zung mit ande­ren Betriebs­rä­ten.

Timm Boß­mann ist Betriebs­rats­vor­sit­zen­der des Welt­bild Ver­lags in Augs­burg. Er hat vom Arbeit­ge­ber mit faden­schei­ni­gen Begrün­dun­gen die Kün­di­gung erhal­ten. In sei­nem Fall ist es durch krea­ti­ve Öffent­lich­keits­ar­beit und die Ein­bin­dung unter­schied­lichs­ter Bünd­nis­part­ner gelun­gen, dass der Arbeit­ge­ber die Kün­di­gung zurück­neh­men muss­te.

Gibt es eine struk­tu­rel­le Gegen­wehr bei den Gewerk­schaf­ten?“ Die­se Fra­ge stand nach der Mit­tag­pau­se im Mit­tel­punkt eines Gesprächs mit Isaf Gün (IGM) und Jef­frey Raf­fo (ver.di). In bei­den Ein­zel­ge­werk­schaf­ten haben sich die Fäl­le von „Bos­sing“ und „Uni­on Bus­ting“ gehäuft. Die Fol­ge: die Fäl­le wer­den gebün­delt behan­delt, die kon­zep­tio­nel­le Arbeit an dem The­ma wird aus­ge­baut. So will die IG Metall bei den Bezir­ken  „Task Forces“ bil­den, die in aku­ten Fäl­len ers­te Hil­fe leis­ten sol­len. In bei­den Gewerk­schaf­ten wer­den aktu­ell wei­ter­ge­hen­de Beschlüs­se zu dem The­ma vor­be­rei­tet.

Ent­schei­dend sei, dass die Gewerk­schaf­ten durch das Instru­ment der Maß­re­ge­lungs­un­ter­stüt­zung eine finan­zi­el­le Sofort­hil­fe für die Betrof­fe­nen sicher­stel­len kön­nen, die ansons­ten leicht in Exis­tenz­not gera­ten.

Kampf um Mit­be­stim­mung“ – so lau­tet der Titel eines For­schungs­pro­jek­tes, das Dani­el Men­ning von der TU Chem­nitz zum Ende der Ver­an­stal­tung vor­stell­te. Im Mit­tel­punkt des Pro­jek­tes steht die Erfor­schung gewerk­schaft­li­cher Gegen­stra­te­gi­en zum „Uni­on Bus­ting“. Ers­te Pro­jekt­er­geb­nis­se wer­den vor­aus­sicht­lich zum Jah­res­en­de ver­öf­fent­licht.

 

In ihrem Schluss­wort unter­strich Susan Paeschke, dass es sich bei den dar­ge­stell­ten Ent­wick­lun­gen nicht um Ein­zel­fäl­le mit­be­stim­mungs­feind­li­chem Arbeit­ge­ber­ver­hal­tens son­dern pro­fes­sio­na­li­sier­te Behin­de­rungs­stra­te­gi­en han­delt. „Bos­sing“ und „Uni­on Bus­ting“ sind auf dem Weg, gesell­schafts­fä­hig zu wer­den. Dage­gen hilft nur Soli­da­ri­tät und ein ganz­heit­li­ches Bera­tungs- und Betreu­ungs­kon­zept, um die betrof­fe­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die oft an ihre Belas­tungs­gren­ze kom­men, zu unter­stüt­zen. Betrieb­li­che Mit­be­stim­mung zu stär­ken und wie­der ins gesell­schaft­li­che Bewusst­sein zu brin­gen, ist eine Auf­ga­be, der sich bei­de Sozi­al­part­ner gemein­sam stel­len müs­sen.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Pro­jekt fin­den Sie unter: http://www.fair-im-betrieb.de

 

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