Lufthansa/LSG — (Schlechte) Arbeit kann töten

 

Seit meh­re­ren Jah­ren baut die LSG, Toch­ter­ge­sell­schaft der Luft­han­sa für Boden­diens­te, mas­siv Lohn­kos­ten ab. Das geschieht zum einen durch Lohn­kür­zun­gen bei Stamm­be­schäf­tig­ten, zum wei­te­ren mit­hil­fe soge­nann­ter „Abru­fer“, die auf tele­fo­ni­schen Anruf Zuhau­se zur Arbeit geru­fen wer­den und schließ­lich mit­hil­fe von Zeit­ar­bei­tern und mit­hil­fe von Still­le­gun­gen und Fremd­ver­ga­be gan­zer Arbeits­be­rei­che wie dem Spü­len von Geschirr oder der Zube­rei­tung von Mahl­zei­ten.

Die Lohn­ver­lus­te, die den Beschäf­tig­ten zuge­mu­tet wer­den, kön­nen dabei mehr als tau­send Euro pro Monat betra­gen. Ande­re, deren Abtei­lun­gen geschlos­sen wer­den, ste­hen plötz­lich ganz ohne Arbeit und Ein­kom­men da.

Am 6. April 2019 hat sich Juan Bal­leste­ro, Vater von fünf Kin­dern, das Leben genom­men, weil er nicht mehr wuss­te, wie er mit 1.200 Euro weni­ger im Monat sei­ne Fami­lie ernäh­ren und die Kre­di­te für sein Ein­fa­mi­li­en­haus bezah­len soll­te. Juan war 56 Jah­re alt und hat 31 Jah­re lang für die LSG gear­bei­tet. In einem Fern­seh­be­richt von ZDF-Zoom hat­te er bereits im Jah­re 2017 erklärt, er wis­se ange­sichts der tie­fen Ein­schnit­te bei sei­nem Gehalt nicht mehr ein noch aus. Juan wehr­te sich gegen sei­nen Gehalts­ab­bau und reich­te vor Gericht Kla­ge ein. Das Gericht ent­schied gegen ihn.

Nur weni­ge Tage nach sei­nem Selbst­mord berief die Fir­men­lei­tung eine Beleg­schafts­ver­samm­lung ein, auf der sie erklär­te, sie habe mit der Ver­zweif­lungs­tat von Juans nichts zu tun. Als Betriebs­rä­te bei LSG mit einem Aus­hang Juans Kolleg*innen bit­ten woll­ten, für ihn zu spen­den, unter­sag­te das die Fir­men­lei­tung. Bei der Fami­lie von Juan hat sich die Fir­men­lei­tung nicht gemel­det. Hil­fe wur­de ihr nicht ange­bo­ten, Bei­leid wur­de ihr nicht aus­ge­spro­chen. Auch nach einer Betriebs­ver­samm­lung im Mai, als die Geschäfts­füh­rung des­we­gen scharf kri­ti­siert wur­de, änder­te sie ihre Hal­tung nicht, son­dern tat wei­ter­hin so, als gin­ge sie die­ser Todes­fall nichts an.

Die Wit­we von Juan arbei­tet eben­falls bei LSG, seit 27 Jah­ren als soge­nann­te Abru­fe­rin auf Basis von 40 Monats­stun­den. Wäh­rend sie frü­her, wie vie­le Abru­fer, monat­lich 120 und mehr Stun­den arbei­te­te, wur­de sie in den letz­ten Jah­ren nur noch für 40 Stun­den im Monat zur Arbeit bestellt. Ihr Lohn schrumpf­te auf ein Drit­tel ihrer frü­he­ren Ein­künf­te. Ihre Bit­te, sie fest ein­zu­stel­len, wur­de mit dem Hin­weis auf ihre Krebs­er­kran­kung abge­lehnt.

LSG wie auch Luft­han­sa behaup­ten, der Kon­kur­renz­kampf in der Bran­che zwin­ge sie zu solch dras­ti­schen Maß­nah­men. Tat­säch­lich for­cie­ren bei­de Unter­neh­men durch genau die­se Maß­nah­men das Lohn­dum­ping sel­ber.

LSG erwei­tert z.B. in Tsche­chi­en ein Werk, in dem die Flug­gast­ver­pfle­gung für alle deut­schen Luft­han­sa-Stand­or­te pro­du­ziert und por­tio­niert und dann durch halb Euro­pa zu den ört­li­chen Flug­hä­fen kut­schiert wer­den soll. Die dort Beschäf­tig­ten, die aus zahl­rei­chen Län­dern ange­wor­ben wer­den, erhal­ten etwa 800 Euro pro Monat; in unmit­tel­ba­rer Nähe des Unter­neh­mens wer­den je vier von ihnen in einen Wohn­con­tai­ner ein­ge­wie­sen. Eine Art Leib­ei­gen­schaft – oder ist das schon Skla­ven­ar­beit?

Ver.di ruft für den 5. und 6. Juni zu Pro­test­ak­tio­nen dage­gen auf: https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/++co++66dcfd90-85ea-11e9-aa60-525400b665de.

Die Luft­han­sa selbst lagert z.B. erheb­li­che Tei­le der War­tungs­ar­bei­ten u.a. nach Manila/Philippinen aus, zu einem Bruch­teil der Lohn­kos­ten hier­zu­lan­de, aller­dings auch zu einem Bruch­teil der Kom­pe­tenz. Mit teils dra­ma­ti­schen Fol­gen für die Sicher­heit der gewar­te­ten Maschi­nen (s. Bericht von ZDF-Zoom vom 11.7. 2017).

Schlech­te Arbeit, Ent­las­sun­gen und Lohn­kos­ten­ab­bau haben dra­ma­ti­sche Fol­gen. Sie kön­nen sogar Leben kos­ten, wie im Fal­le von Juan B. Dass die Luft­han­sa bzw. die LSG nicht ein­mal den Mut auf­bringt, für sol­che Fol­gen ein­zu­ste­hen, ist erschüt­ternd und ent­larvt ihre sons­ti­gen Beteue­run­gen, „mensch­lich“ zu han­deln, als schlich­te Pro­pa­gan­da.

Juans Leben ist nicht zurück­zu­ho­len. Aber wenigs­tens soll­ten die Ver­ant­wort­li­chen dafür sor­gen, dass die Fami­lie von Juan nicht noch wei­ter ins Elend gestürzt wird. Die Kre­di­te für das Haus der Fami­lie, die ohne Juan nicht mehr bezahlt wer­den kön­nen, muss die LSG über­neh­men und der Wit­we von Juan muss sie einen fes­ten Arbeits­ver­trag anbie­ten. Das wäre wohl das Min­des­te bei 2,8 Mil­li­ar­den Euro Gewinn („Adjus­ted EBIT“), den Luft­han­sa für 2018 angibt.

Weil wir im Unter­schied zu Lufthansa/LSG die Fami­lie Bal­leste­ro nicht allein las­sen, rufen wir zu Spen­den auf das Kon­to der Toch­ter von Juan auf.

Kon­to­in­ha­be­rin: Anais Bal­leste­ro Perez. IBAN: DE58 5115 1919 0070 5330 39. Stich­wort: Solidspen­de Juan Bal­leste­ro.

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