verdi: „Bio“ ist nicht automatisch fair

aus: ver.di publik: Gros des Bio­le­bens­mit­tel-Ein­zel­han­dels stellt eine weit­ge­hend mit­be­stim­mungs­freie Zone dar. Beschäf­tig­ten bleibt fai­re Bezah­lung und Arbeits­zeit nach Tarif vor­ent­hal­ten. Von Gud­run Gie­se

 

Der Han­del mit Bio­le­bens­mit­teln boomt seit Jah­ren, und Super­markt­ket­ten wie Alna­tu­ra, Denn’s Bio­markt und Bio Com­pa­ny expan­die­ren Jahr für Jahr. Doch wenn es um Bezah­lung und Arbeits­zeit nach Tarif sowie um die Mit­be­stim­mung geht, erweist sich die Bran­che als sehr abwei­send, wie Orhan Akman, Lei­ter des ver.di-Bundesfachbereichs Ein­zel­han­del kri­ti­siert.

Doch in ande­ren Tei­len der Bran­che tut sich seit eini­ger Zeit eine Men­ge: im Groß­han­del näm­lich. Mit­te Mai wähl­ten die Beschäf­tig­ten aus Waren­la­ger und Zen­tral­ver­wal­tung beim Bio-Groß­händ­ler Denn­ree im ober­frän­ki­schen Töpen erst­mals einen 15-köp­fi­gen Betriebs­rat. Dabei ging die Mehr­heit von acht Sit­zen an ver.di. „Nach anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten mit dem Arbeit­ge­ber, etwa die Schu­lung des Wahl­vor­stan­des durch­zu­set­zen, lief die Wahl völ­lig unpro­ble­ma­tisch“, berich­tet Paul Leh­mann, der zustän­di­ge ver.di-Handelssekretär aus dem Bezirk Ober­fran­ken. Mehr als 75 Pro­zent der 1.300-köpfigen Beleg­schaft hät­ten sich an der Wahl betei­ligt, was als über­ra­gen­des Ergeb­nis anzu­sehen sei.

Ende Mai folg­ten dann die Kon­sti­tu­ie­rung des Betriebs­ra­tes sowie die Wah­len zum Vor­sitz im Gre­mi­um. „Mitt­ler­wei­le haben wir als ver.di Denn­ree bereits zu Tarif­ver­hand­lun­gen auf­ge­for­dert“, sagt Leh­mann. Schließ­lich sei die schlech­te Bezah­lung für vie­le der Beschäf­tig­ten das zen­tra­le Mobi­li­sie­rungs­the­ma für die Betriebs­rats­wahl gewe­sen.

Streikbereit

Wäh­rend beim Umsatz­rie­sen Denn­ree, der zusam­men mit den eige­nen Denn’s Bio­märk­ten im ver­gan­ge­nen Jahr etwas mehr als eine Mil­li­ar­de Euro Umsatz erwirt­schaf­tet hat, Tari­fent­gel­te noch Zukunfts­mu­sik sind, wer­den beim weit­aus klei­ne­ren Bio­groß­han­del Natur­kost Elkers­hau­sen in Göt­tin­gen längst in jeder Tarif­run­de Löh­ne und Gehäl­ter erhöht. „Die­ses Jahr woll­te der Geschäfts­füh­rer zunächst nicht ver­han­deln“, sagt Micha­el Ober­hoff, lang­jäh­ri­ger Betriebs­rats­vor­sit­zen­der bei Natur­kost Elkers­hau­sen. „Des­halb haben wir uns dies­mal wie­der in die Tarif­run­de des Groß- und Außen­han­dels Nie­der­sach­sen-Bre­men ein­ge­klinkt.“ Mit einer Urab­stim­mung unter den 152 Beschäf­tig­ten wur­de die Streik­be­reit­schaft doku­men­tiert und der Druck im Haus auf Grün­der und Geschäfts­füh­rer Her­mann Held­berg erhöht.

Ohne­hin liegt die Bezah­lung beim Göt­tin­ger Bio­groß­händ­ler deut­lich über der der Kon­kur­renz. „Wir sind im Natur­kost-Groß­han­del der ers­te Betrieb mit Tarif­ver­trag“, sagt Micha­el Ober­hoff. In den zurück­lie­gen­den Tarif­run­den konn­te der Betriebs­rat gemein­sam mit ver.di Nie­der­sach­sen-Bre­men stets Abschlüs­se bei der Bezah­lung aus­han­deln, die über den Flä­chen­ta­rif­ver­trä­gen im Groß­han­del lie­gen. „Dabei haben wir Festbetrags­erhöhungen für alle Beschäf­tig­ten­grup­pen und auch die Aus­zu­bil­den­den durch­ge­setzt, von denen die Mit­ar­bei­ter der unte­ren Ent­gelt­grup­pen beson­ders pro­fi­tie­ren“, betont der Betriebs­rats­vor­sit­zen­de. Außer­dem arbei­ten die Mitarbeiter*innen nur 36 Wochen­stun­den – bei nahe­zu vol­lem Lohn­aus­gleich.

Auch beim mit Elkers­hau­sen eng zusam­men­ar­bei­ten­den Groß­han­dels­be­trieb Natur­kost Erfurt soll ab 2021 voll nach Tarif bezahlt wer­den. Dort wur­den – nicht zuletzt wegen der Bera­tung durch den Göt­tin­ger Betriebs­rat – in den zurück­lie­gen­den Jah­ren zuerst ein Betriebs­rat und dann eine Tarif­kom­mis­si­on gewählt. Die Tarif­kom­mis­si­on konn­te in der Zwi­schen­zeit einen Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag aus­han­deln, mit dem Stück für Stück der Anschluss an die Tari­fent­gel­te erreicht wird.

Micha­el Ober­hoff, der als Mit­glied des ehren­amt­li­chen Vor­stan­des der ver.di-Bundesfachgruppe Groß- und Außen-han­del mit vie­len Kolleg*innen der Bran­che ins Gespräch kommt, hat auch an Tarif­be­zah­lung inter­es­sier­te Beschäf­tig­te bei wei­te­ren Bio­groß­händ­lern bera­ten. „Eben­so neh­men die Anfra­gen aus dem Ein­zel­han­del zu“, sagt der Betriebs­rats­vor­sit­zen­de. Vor­wie­gend Mitarbeiter*innen ver­schie­de­ner Hof­lä­den in Nie­der­sach­sen hät­ten ihn auf mög­liche Wege zu Betriebs­rat und Tarif­ver­trag ange­spro­chen.

Arbeitsplätze nicht bio

Der­weil bleibt das Gros des Bio­le­bens­mit­tel-Ein­zel­han­dels eine weit­ge­hend mit­be­stim­mungs­freie Zone. Ein­zig bei der 1999 in Ber­lin gegrün­de­ten Fili­al­ket­te Bio Com­pa­ny gibt es einen Betriebs­rat und betrieb­li­che Rege­lun­gen über Löh­ne und Gehäl­ter. Aller­dings ist die Wahl der Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung vom Arbeit­ge­ber beein­flusst wor­den. „Die Ver­su­che gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ter Beschäf­tig­ter, frei einen Betriebs­rat wäh­len zu las­sen, hat das Unter­neh­men unter­bun­den“, sagt Eri­ka Rit­ter, die den Fach­be­reich Han­del im ver.di-Landesbezirk Ber­lin-Bran­den­burg lei­tet. Und Tarif­lohn wird bei der Bio Com­pa­ny auch nicht gezahlt. Ziel sei es, dem „mög­lichst nahe­zu­kom­men“, hieß es Ende April in einem Bei­trag auf Zeit-online.

Orhan Akman kri­ti­siert die Bio-Ein­zel­han­dels­ket­ten mit deut­li­chen Wor­ten. „Es ist nicht nach­voll­zieh­bar, dass aus­ge­rech­net in einem Zweig des Ein­zel­han­dels, der sich Nach­hal­tig­keit, Tier­wohl und Regio­na­li­tät auf die Fah­nen schreibt, eine Poli­tik gegen Arbeit­neh­mer­rech­te gefah­ren wird“, sag­te er im April gegen­über den Zei­tun­gen der WAZ-Grup­pe. Seit Jah­ren kämp­fe ver.di bei­spiels­wei­se um die Wahl eines Betriebs­ra­tes in einer Bre­mer Alna­tu­ra-Filia­le – bis­her ohne Erfolg. Vie­le Beschäf­tig­te in Bio-Super­märk­ten müss­ten mehr als 37,5 Stun­den wöchent­lich arbei­ten und bekä­men dafür weni­ger Lohn und weni­ger Urlaubs­ta­ge als die Tarif­ver­trä­ge des Ein­zel­han­dels vor­se­hen.

Dass mög­li­cher­wei­se die erfolg­rei­che Betriebs­rats­wahl im Denn­ree-Groß­han­del in Töpen posi­tiv auf die Ein­zel­han­dels­be­schäf­tig­ten in Denn’s-Biomärkten aus­strah­len könn­te, hält Paul Leh­mann für wün­schens­wert, aber schwie­rig. „Die Ver­ein­ze­lung im Ein­zel­han­del erschwert Betriebs­rats­wah­len.“ Enga­gier­te Kolleg*innen hät­ten es nicht leicht, sich zu behaup­ten. ver.di unter­stüt­ze aber ent­spre­chen­de Initia­ti­ven. „Bio“ bedeu­tet „Leben“, doch das Leben der im Bio­han­del beschäf­tig­ten Men­schen scheint den Arbeit­ge­bern bis­her nicht all­zu viel wert zu sein.

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