Tabuthema: Bossing im öffentlichen Sektor

13. März 2020

(ak, gk) Die Thüringer Fernwasser-Versorgung (TFW) ist ein Betrieb der öffentlichen Daseinsvorsorge, der überwiegend dem Land Thüringen gehört. Die TFW hat etwa 230 Mitarbeiter*innen und versorgt die Hälfte des Bundeslandes mit Trinkwasser und ist auch für die zahlreichen Talsperren und Staudämme verantwortlich.

Für ihren Geschäftsführer, Thomas Stepputat, der 2016 eingestellt wurde, ist die TFW ein Versuchslabor, er wendet dort seine auf den Seminaren der berüchtigten Bossing-Kanzlei Schreiner erworbenen Erkenntnisse praktisch an. Schreiner Seminare laufen unter den Überschriften „Zukunft ohne Betriebsrat“; „So weisen Sie ihren Betriebsrat in die Schranken“; „Arbeit statt Freistellung für Betriebsräte“.

Nach Aussagen mehrerer ehemaliger und aktueller Mitarbeiter*innen nutzt der Geschäftsführer vor allem kurzfristig einberufene persönliche „Gespräche“ unter vier Augen, um Beschäftigte zu drangsalieren und gefügig zu machen – mit Drohungen, Beleidigungen und manchmal auch brachialen Wutausbrüchen. Auch andere Mitarbeiter*innen aus der Führungsetage hat Stepputat auf Kosten der Steuerzahler*innen auf Schreiner-Seminare geschickt.

Seit Mitte 2019 versuchen Beschäftigte, auf die Missstände bei der TFW aufmerksam zu machen. Aber der zuständige Staatssekretär im Umweltministerium und Verwaltungsratsvorsitzende der TFW, Olaf Möller, wehrte jede Kritik ab. Im Auftrag zahlreicher Mitarbeiter*innen wandte sich work-watch an die obersten Etagen der Landesregierung und trug die Beschwerden aus der Belegschaft vor. Doch weder die Ministerien, die ihre Vertreter in den Verwaltungsrat entsenden, noch der Ministerpräsident zeigten sich bereit, das Anliegen der Beschäftigten aufzugreifen. Selbst dann nicht, als sie auf den Investitionsstau bei mehreren Talsperren hinwiesen – und die damit einhergehende Zustandsverschlechterung der Anlagen und die Gefährdung der Bevölkerung.

Durch die Intervention von work watch e.V. gelangten schließlich erste Informationen an die Öffentlichkeit: Die Presse berichtete erstmals im Januar diesen Jahres – seitdem befassten sich Verwaltungsrat und verschiedene Ministerien mit der Sache. Doch eine offene Diskussion, gar eine Befragung von Mitarbeiter*innen wurde vermieden, die fällige Auseinandersetzung um den künftigen Kurs der TFW ging im politischen Tumult der Ministerpräsidentenwahl unter.

Vor der Verwaltungsratssitzung am 12.März protestierten nun ehemalige Mitarbeiter*innen, die den Betrieb wegen der Bossing-Attitüden des Geschäftsführers verlassen hatten, und forderten die Entlassung von Stepputat (siehe Foto).

Sie erinnerten daran, dass er mit denselben Methoden einer menschenunwürdigen Personalführung auch schon bei den Stadtwerken Schweinfurt negativ aufgefallen war und seine Anstellung dort vorzeitig mit einem Aufhebungsvertrag beenden musste. Zudem wurde er kritisiert, weil er zahlreiche gut dotierte Beraterverträge zwischen der TFW und Fremdfirmen abgeschlossen hat: Unter anderem mit Tilia, einer Agentur, in der vor allem ehemalige leitende Angestellte von Veolia mitarbeiten – einem multinationalen Konzern, der sich weltweit vor allem auf die Privatisierung der Wasserversorgung spezialisiert hat.

Doch auch diese Kritik wurde auf der Sitzung vom Tisch gewischt. Mit Mehrheit winkten die Mitglieder des Verwaltungsrates eine Verlängerung des Geschäftsführervertrages durch.

Der Landtag allerdings wird sich weiterhin mit den Unregelmäßigkeiten der Geschäftspolitik der TFW unter Thomas Stepputat befassen müssen.

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