Bossing bei Virenschleuder Amazon

17. April 2020

(gk) Emily Cunningham und Maren Costa heißen die jüngsten Opfer des Logistikriesen Amazon in den USA. Beide waren aktiv in der Gruppe Amazon Employees for Climate Justice – Amazon-Beschäftigte für Klimagerechtigkeit. Sie wurden Mitte April entlassen, weil sie sich für ihre Kolleg*innen eingesetzt und den unzureichenden Gesundheitsschutz in der Corona-Krise öffentlich kritisiert hatten.

Solche Kritik kann Amazon gerade gar nicht brauchen, gehört der Konzern doch zu den großen Profiteuren der weltweiten Pandemie: Viele Einzelhändler mussten unter Androhung von horrenden Strafen schließen, gleichzeitig erreichen die Bestellungen für non-food-Produkte bei Amazon nie dagewesene Rekorde. Ebenso die Nachfrage nach Arbeitskräften: Innerhalb eines Monats hatte allein Amazon in den USA 100.000 neue Mitarbeiter*innen eingestellt und Mitte April weitere 75.000 neue Stellen ausgeschrieben. Die Räumlichkeiten sind in der Regel so eng geblieben wie zuvor. Nun drängen sich an den Rändern der Großstädte tausende Mitarbeiter*innen in viel zu engen Lagerhallen und Paketzentren, oft ohne Mundschutz oder andere Sicherheitsvorkehrungen, und machen mehr Überstunden als je zuvor.

Amazon ist keine Insel: In den Lagerhallen und Verteilzentren häufen sich die Infiziertenzahlen. Gewerkschaftliche Forderungen, Hallen mit vielen Infizierten vorübergehend zu schließen, zu desinfizieren und die Kolleg*innen medizinisch zu untersuchen, lehnt Amazon fast immer ab. Stattdessen stellt der Konzern – so geschehen in Madrid – Leiharbeiter ein, die sich innerhalb kürzester Zeit ebenfalls anstecken.

Wenig hilfreich ist außerdem die Corona-Zulage, die Amazon sich 350 Millionen US-Dollar kosten lässt, um Beschäftigte für Überstunden zu ködern. Die Folge: Angestellte schleppten sich auch mit Fieber und anderen Symptomen zur Arbeit, steckten andere an – auch hierzulande. Immerhin: Mittlerweile werden fiebrige Beschäftigte in einigen Paketzentren für drei Tage nach Hause geschickt. In einigen Abteilungen wurden Plätze ausgedünnt, um die Abstandsregeln einzuhalten. Aber nach wie vor gibt es immer wieder Situationen, in denen sich viele Beschäftigte zwangsläufig über den Weg laufen müssen, ohne dass der Mindestabstand gewahrt wäre.

Einen Aufschrei der Politik gab und gibt es nicht. Der Weltkonzern Amazon kann sich als Virenschleuder betätigen und damit die Gesundheit seiner Mitarbeiter und die der Öffentlichkeit gefährden, während Pleiten im Einzelhandel billigend in Kauf genommen werden.

Beschäftigte und Gewerkschaften machen immer wieder auf die Missstände aufmerksam. Sie betonen, dass kaum lebensnotwendige Güter in den Versand gehen und Amazon eigentlich problemlos für einige Zeit still gelegt werden könnte. Aber der Konzern genießt offensichtlich einen Sonderstatus. In Frankreich hat immerhin ein Gericht dem Geschäftsmodell kurzzeitig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mitte April hatte es einer Klage von Gewerkschaftsvertreter*innen stattgegeben: So lange in den französischen Verteilzentren keine erforderlichen Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen getroffen sind, darf der Konzern nur Lebensmittel sowie Hygieneartikel und Medizinprodukte vertreiben. Amazon stellte daraufhin für eine Woche seinen Betrieb ein.

Mittel- und Langfristig gäbe es weitere Optionen, mit denen die destruktiven Folgen des Profitstrebens von Amazon eingedämmt und sogar aufgehoben werden könnten. Sie würden sich ergänzen: Erstens sollte die Versorgung mit Produkten aller Art so weit es geht regional organisiert werden. Zweitens müssten alle Beschäftigten in der Branche unter tariflich und gesetzlich abgesicherten Bedingungen arbeiten – dazu zählt auch der Gesundheitsschutz. Drittens gehören globale Logistikonzerne in öffentliche Hand und nicht in den Privatbesitz eines Jeff Bezos.

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