Egetürk: Angriff auf Betriebsratsvorsitzende

 

 

(hd/ak) Seit 27 Jahren arbeitet G. bei der Kölner Firma Egetürk, nach eigenen Angaben europäischer Marktführer für Halal Fleischprodukte. Grund für Kritik der Geschäftsführung an ihrer Arbeit gab es nie. Bis sie Ende 2018 zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde und sich intensiv für die Interessen der 170 Beschäftigten einsetzte.

So befürwortete sie an der Seite der zuständigen Gewerkschaft NGG im Sommer 2019 Tarifverhandlungen. Das Unternehmen lehnte ab, hob aber unter dem Druck zweier Warnstreiks die Löhne um insgesamt 10 Prozent an. Ein toller Erfolg der Belegschaft, ihres Betriebsrates und ihrer Gewerkschaft.

Dann knöpfte sich der Betriebsrat die Arbeitszeit und die Lohnstruktur im Betrieb vor und stellte fest: es wimmelte von Nasenprämien, gleicher Lohn für gleiche Arbeit war ein Fremdwort, Überstunden wurden nach Gutdünken verteilt. Das verstärkte die Lohnunterschiede noch einmal.

Der Betriebsrat entwickelte daraufhin eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit. Und rief die Einigungsstelle an, weil sich die Geschäftsführung auf den Vorschlag nicht einlassen mochte, sondern eine 48 Stundenwoche durchsetzen wollte.

Aus Angst, die Einigungsstelle könne das Unternehmen zwingen, mit den undurchschaubaren und kurzfristig festgelegten Arbeitszeiten Schluss zu machen, ging die Geschäftsführung in die Offensive und organisierte eine Protestaktion mit 100 Beschäftigten gegen den eigenen Betriebsrat. Ihr Argument um die Arbeitnehmer aufzuhetzen: der Betriebsrat verweigere die Erhöhung der Löhne gestaffelt nach der Betriebszugehörigkeit. Was die Geschäftsführung verheimlichte: sie wollte den Betriebsrat zwingen, gleichzeitig mit der Betriebsvereinbarung zu den Lohnerhöhungen auch die zur Arbeitszeit zu unterzeichnen.

Diese Erpressung lehnte der Betriebsrat ab.

Auch wenn viele Mitarbeiter gar nicht wussten, für welche Tricks sie ausgenutzt und weshalb sie Ende November 2019 vor das Betriebsratsbüro geholt wurden – die Spaltung der Belegschaft war erst einmal gelungen. Und es folgte der zweite Streich: der Geschäftsführung gelang es, die Mehrheit des Betriebsrats auf ihre Seite zu ziehen und das Gremium im März 2020 zur Zustimmung zu einer fristlosen Kündigung von G. zu bewegen.

Unmittelbar nach ihrer Kündigung ließ die Geschäftsführung ihre Arbeitszeitvereinbarung mit einer Wochenarbeitszeit bis zu 48 Stunden vom „geköpften“ Betriebsrat unterschreiben.

Der große Erfolg der zwei Warnstreiks war auf diese Weise erst einmal umgekehrt.

Warum das gelang? Systematischer Druck, Angstmacherei, Abmahnungen, Kündigungen und Prozesse setzten nicht nur die Aktiven im Betriebsrat sondern die ganze Belegschaft unter Druck. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind über 50 Jahre alt, sind ungelernt und haben auf dem Arbeitsmarkt auch wegen spärlicher Deutschkenntnisse schlechte Karten. Ihre Angst vor einem Jobverlust war also ein willkommenes Erpressungspotential für Egetürk.

Unter dem Druck ihrer Vorgesetzten unterschrieben über hundert Mitarbeiter die Liste mit der Forderung, G. aus dem Betriebsrat zu entfernen. Viele haben sich dafür geschämt.

Dennoch hat die Geschäftsführung Sorge, dass sie mit diesen Erpressungsmanövern und ihrem Kündigungsversuch vor Gericht nicht durchkommt. Sie hat deshalb vor wenigen Tagen eine zweite fristlose Kündigung von G. nachgeschoben. Die Begründung dafür ist ebenso so absurd wie die erste.

Aber darauf kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, die Angst in der Belegschaft hochzuhalten und den Eindruck zu erwecken, die Geschäftsführung könne sich alles erlauben. „Wenn sie schon unsere Vorsitzende rausschmeißen können, was passiert uns dann?“, war eine Frage, die sich viele Kollegen stellten.

Allerdings kann es gut sein, dass Egetürk sich verrechnet hat. Die Solidarität mit G. wächst, kürzlich hat sich Günter Wallraff, Autor von „Ganz unten“ für die Kollegin eingesetzt. Gewerkschafter*innen aus anderen Betrieben diskutieren bereits den Vorgang und denken über eine Intervention nach.

Der Gütetermin am 15.6.2020 vor dem Kölner Arbeitsgericht führte zu keiner Einigung und wurde von einer Solidaritätsaktion von NGG und work watch e.V. begleitet.

Am 4.9. wird die Kündigung von G. vor Gericht verhandelt. Bis dahin ist noch jede Menge Zeit, um Egetürk zu zeigen:

Wir nehmen ihre Attacken nicht hin! Wir solidarisieren uns! Wir fordern die sofortige Rücknahme der Kündigung und aller anderen Einschüchterungsmethoden!

Soli-Liste für Gülden deutsch und Solidaritätserklärungen bitte an:

region.koeln@nullngg.net