Daimler: Mehr rechte Betriebsräte

(gk) Die IG Metall ist immer noch deut­lich die stärks­te Kraft der Beleg­schaft in den Daim­ler-Wer­ken. Aber die ultra­rech­te Betriebs­rats­lis­te „Zen­trum Auto­mo­bil“ konn­te spür­bar zule­gen. Bei den Ange­stell­ten in den bei­den Ver­wal­tungs­sit­zen Unter­türk­heim und Möh­rin­gen konn­te sie zwar kei­nen Sitz errin­gen und war mit 1,6 Pro­zent weit abge­schla­gen. Anders in der Pro­duk­ti­on: In Unter­türk­heim erziel­te sie 13,2 Pro­zent und zieht jetzt mit sechs statt vier Betriebs­rä­ten ins Gre­mi­um. 1800 Mit­ar­bei­ter hat­ten für die Lis­te gestimmt, ins­ge­samt 14.000 von mitt­ler­wei­le 23.500 Mit­ar­bei­tern hat­ten an der Wahl teil­ge­nom­men – und das, obwohl die IG Metall in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eini­ges errei­chen konn­te: Hun­der­te Leih­ar­bei­ter wur­den fest ange­stellt, die Aus­la­ge­rung der Betriebs­gas­tro­no­mie ver­hin­dert und die Zusa­ge erreicht, dass die künf­ti­ge Bat­te­rie­pro­duk­ti­on für E-Autos nicht in einer Toch­ter­fir­ma, son­dern in Unter­türk­heim statt­fin­det, gebun­den an den Flä­chen­ta­rif. In den Wer­ken in Ras­tatt und Sin­del­fin­gen, mit über 40.000 Mit­ar­bei­tern das größ­te des Kon­zerns, zog die Lis­te erst­mals mit drei bzw. zwei Ver­tre­tern in den Betriebs­rat.

 

Die Betriebs­rä­te von „Zen­trum Auto­mo­bil“ unter­hal­ten zahl­rei­che Kon­tak­te zur ultra­rech­ten Sze­ne und zur AfD. Unter­stützt wer­den sie vor allem von dem Flü­gel um Björn Höcke. Auch Gui­do Reil, der Berg­mann aus dem Ruhr­ge­biet, der 2016 mit viel Getö­se aus der SPD aus- und in die AfD ein­trat, will die rech­te Gewerk­schafts­in­itia­ti­ve för­dern. Das AfD-Vor­stands­mit­glied ist selbst Betriebs­rat und Mit­glied der IGBCE.

 

 

Wel­chen Ein­fluss die aus­führ­li­che Bericht­erstat­tung in den Medi­en vor allem über das Werk in Unter­türk­heim und das rechts­ra­di­ka­le Pro­fil der dor­ti­gen Kan­di­da­ten (auch Work-Watch berich­te­te) auf das Wahl­er­geb­nis gehabt hat, ist schwer ein­zu­schät­zen. Eini­ge Gewerk­schafts­ver­tre­ter der IG Metall waren jeden­falls der Mei­nung, dass die Bedeu­tung der ultra­rech­ten Betriebs­rä­te zu hoch gespielt wer­de. Ange­sichts der 180.000 Man­da­te, die zu ver­ge­ben sei­en, stell­ten die weni­gen Kan­di­da­tu­ren der Rech­ten „kei­ne Gefahr“ dar, mein­te etwa der DGB-Vor­sit­zen­de Rei­ner Hoff­mann noch vor den Wah­len.

 

Tat­säch­lich hat­ten bei der Bun­des­tags­wahl 15 Pro­zent der Gewerk­schafts­mit­glie­der für die AfD gestimmt – und dort also mehr Pro­zen­te erzielt als bei der der Gesamt­wäh­ler­schaft: 12,6 Pro­zent.

 

Beim Kampf um die poli­ti­sche Aus­rich­tung der Betriebs­rä­te stel­len nicht nur rech­te Betriebs­rats­lis­ten eine Her­aus­for­de­rung dar, son­dern auch Tei­le der Mit­glied­schaft in den DGB-Gewerk­schaf­ten. In ost­deut­schen Bun­des­län­dern etwa haben betrieb­lich enga­gier­te Mit­glie­der der  IG Metall sogar Bus­se zu Pegi­da-Kund­ge­bun­gen orga­ni­siert, so der Sozio­lo­ge Klaus Dör­re, der seit vie­len Jah­ren zu rech­ten Ten­den­zen in den Gewerk­schaf­ten forscht. Dan­ny Jan­kow­ski, Betriebs­rat der IG Metall bei Jen­op­tik, ist Mit­glied im ganz rech­ten Lan­des­ver­band der AfD Thü­rin­gen.

 

Und auch in West­deutsch­land gibt es bedenk­li­che Ten­den­zen: In Ingol­stadt, wo 30.000 bei Audi arbei­ten, wur­de die AfD zweit­stärks­te Kraft. Und schon vor zwei Jah­ren quit­tier­ten 200 IG Metal­ler in Pas­sau ihre Mit­glied­schaft, weil ihre Gewerk­schaft angeb­lich zu viel für Flücht­lin­ge getan habe.

 

Wie es dazu kom­men kann, dass in Wer­ken, in denen die IG Metall eine Haus­macht ist, eine ultra­rech­te Betriebs­rats­lis­te Erfol­ge haben kann, erklärt André Kauf­mann, Betriebs­be­treu­er für die IGM Stutt­gart im Daim­ler Werk Unter­türk­heim in einem Inter­view in „Express – Zei­tung für sozia­lis­ti­sche Betriebs- und Gewerk­schafts­ar­beit“.

Gemes­sen an ihren ver­gan­ge­nen Akti­vi­tä­ten in Nazi­bands und ultra­rech­ten Orga­ni­sa­tio­nen tre­ten die Betriebs­rä­te von „Zen­trum Auto­mo­bil” in den Werks­hal­len dem­nach poli­tisch zurück­hal­tend auf.

 

Zu erwar­ten, dass die so rich­tig stramm rechts auf­tre­ten mit ent­spre­chend har­ten Sprü­chen, ist falsch, das machen sie nicht“, meint Kauf­mann. „Sie tre­ten als Küm­me­rer für die klei­nen Sor­gen und Nöte der Beschäf­tig­ten auf, ger­ne gehen sie mal durch die Hal­le, schüt­teln hier ein paar Hän­de, gra­tu­lie­ren da mal zum Geburts­tag, machen dort mal ein Witz­chen…“ Die ultra­rech­ten BR hät­ten „ein gutes Gespür, wo viel­leicht der eine oder ande­re IGM-BR nicht so oft in der Hal­le oder im Büro bei den Beschäf­tig­ten war, wie es hät­te sein müs­sen, weil man einen Tick zu oft in irgend­wel­chen Mee­tings mit der Geschäfts­füh­rung geses­sen hat- genau da gehen sie hin, um sich zu zei­gen“. Betriebs­ver­samm­lun­gen wür­den geschickt von ihnen genutzt, „um mit Dreck auf die IG Metall zu wer­fen: Die ist dann per se kor­rupt, gekauft, liegt mit dem Manage­ment im Bett — des­we­gen brau­che es jetzt eine neue Kraft“, beschreibt Kauf­mann.

 

 

Über ihre Zie­le muss man sich kei­ne Illu­sio­nen machen: Sie wol­len den „Die­sel ret­ten“ und über­haupt sol­le alles so blei­ben wie es war. Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer par excel­lence, die mit ihrer Pro­pa­gan­da aller­dings bei einer zum Teil über ihre Zukunft ver­un­si­cher­ten Beleg­schaft ver­fängt. Die Agen­da, die vor allem in ihren online-Auf­trit­ten und weni­ger in den Werks­hal­len deut­lich wird: „Deut­sche Betriebs­ge­mein­schaft“ statt Klas­sen­kampf.

 

Es hel­fe jedoch nicht wei­ter, die ultra­rech­ten Betriebs­rä­te und ihre Absich­ten nur an den Pran­ger zu stel­len, meint Kauf­mann. Auch die IGM, die den Wider­spruch zwi­schen Arbeit und Kapi­tal in den Hin­ter­grund gedrängt hat und dafür immer wie­der die Fah­ne der Stand­ort­po­li­tik schwenkt, ganz beson­ders im Auto­mo­bil­sek­tor, müs­se sich ver­än­dern. „Etwas mehr Kon­flikt­freu­dig­keit in man­chen Groß­kon­zer­nen, viel­leicht manch­mal auch im Auf­tre­ten, in der Art, wie man sich klei­det, ein biss­chen näher an den Beschäf­tig­ten dran zu sein, statt mit Schlips und Kra­gen auf dem Foto mit dem Werks­lei­ter, das fän­de ich schon gut. Das wür­de die IGM stär­ken und weni­ger Angriffs­flä­che für die­se rech­ten Het­zer bie­ten.“ Auch der Aspekt der Reprä­sen­tanz ist für Kauf­mann ein wich­ti­ges The­ma. In den Füh­rungs­gre­mi­en der IGM sind Migrant*innen und Arbeiter*innen die Aus­nah­me — ganz anders als in den Werks­hal­len. „Du kannst eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich der Orga­ni­sie­rung der Arbei­te­rIn­nen ver­schrie­ben hat, nicht nur mit Aka­de­mi­kern füh­ren.”